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Alice's Abenteuer
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im Wunderland
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von
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Lewis Carroll.
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Aus dem Englischen von Antonie Zimmermann.
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Mit zweiundvierzig Illustrationen
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von
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John Tenniel.
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Autorisirte Ausgabe.
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Leipzig
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Johann Friedrich Hartknoch.
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Originally published in 1869.
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O schöner, goldner Nachmittag,
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Wo Flut und Himmel lacht!
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Von schwacher Kindeshand bewegt,
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Die Ruder plätschern sacht --
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Das Steuer hält ein Kindesarm
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Und lenket unsre Fahrt.
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So fuhren wir gemächlich hin
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Auf träumerischen Wellen --
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Doch ach! die drei vereinten sich,
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Den müden Freund zu quälen --
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Sie trieben ihn, sie drängten ihn,
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Ein Mährchen zu erzählen.
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Die erste gab's Commandowort;
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O schnell, o fange an!
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Und mach' es so, die Zweite bat,
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Daß man recht lachen kann!
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Die Dritte ließ ihm keine Ruh
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Mit wie? und wo? und wann?
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Jetzt lauschen sie vom Zauberland
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Der wunderbaren Mähr';
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Mit Thier und Vogel sind sie bald
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In freundlichem Verkehr,
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Und fühlen sich so heimisch dort,
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Als ob es Wahrheit wär'. --
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Und jedes Mal, wenn Fantasie
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Dem Freunde ganz versiegt: --
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»Das Uebrige ein ander Mal!«
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O nein, sie leiden's nicht.
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»»Es ist ja schon ein ander Mal!«« --
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So rufen sie vergnügt.
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So ward vom schönen Wunderland
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Das Märchen ausgedacht,
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So langsam Stück für Stück erzählt,
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Beplaudert und belacht,
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Und froh, als es zu Ende war,
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Der Weg nach Haus gemacht.
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Alice! o nimm es freundlich an!
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Leg' es mit güt'ger Hand
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Zum Strauße, den Erinnerung
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Aus Kindheitsträumen band,
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Gleich welken Blüthen, mitgebracht
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Aus liebem, fernen Land.
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[Der Verfasser wünscht hiermit seine Anerkennung gegen die Uebersetzerin
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auszusprechen, die einige eingestreute Parodien englischer Kinderlieder,
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welche der deutschen Jugend unverständlich gewesen wären, durch
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dergleichen von bekannten deutschen Gedichten ersetzt hat. Ebenso sind
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für die oft unübersetzbaren englischen Wortspiele passende deutsche
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eingeschoben worden, welche das Buch allein der Gewandtheit der
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Uebersetzerin verdankt.]
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Inhalt.
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1. Hinunter in den Kaninchenbau 1
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2. Der Thränenpfuhl 14
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3. Caucus-Rennen, und was daraus wird 27
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4. Die Wohnung des Kaninchens 39
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5. Guter Rath von einer Raupe 55
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6. Ferkel und Pfeffer 71
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7. Die tolle Theegesellschaft 88
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8. Das Croquetfeld der Königin 104
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9. Die Geschichte der falschen Schildkröte 121
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10. Das Hummerballet 137
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11. Wer hat die Kuchen gestohlen? 150
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12. Alice ist die Klügste 163
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[Illustration]
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Erstes Kapitel
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Hinunter in den Kaninchenbau.
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Alice fing an sich zu langweilen; sie saß schon lange bei ihrer
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Schwester am Ufer und hatte nichts zu thun. Das Buch, das ihre Schwester
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las, gefiel ihr nicht; denn es waren weder Bilder noch Gespräche darin.
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»Und was nützen Bücher,« dachte Alice, »ohne Bilder und Gespräche?«
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Sie überlegte sich eben, (so gut es ging, denn sie war schläfrig und
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dumm von der Hitze,) ob es der Mühe werth sei aufzustehen und
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Gänseblümchen zu pflücken, um eine Kette damit zu machen, als plötzlich
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ein weißes Kaninchen mit rothen Augen dicht an ihr vorbeirannte.
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Dies war grade nicht _sehr_ merkwürdig; Alice fand es auch nicht _sehr_
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außerordentlich, daß sie das Kaninchen sagen hörte: »O weh, o weh! Ich
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werde zu spät kommen!« (Als sie es später wieder überlegte, fiel ihr
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ein, daß sie sich darüber hätte wundern sollen, doch zur Zeit kam es ihr
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Alles ganz natürlich vor.) Aber als das Kaninchen _seine Uhr aus der
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Westentasche zog_, nach der Zeit sah und eilig fortlief, sprang Alice
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auf; denn es war ihr doch noch nie vorgekommen, ein Kaninchen mit einer
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Westentasche und eine Uhr darin zu sehen. Vor Neugierde brennend, rannte
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sie ihm nach, über den Grasplatz, und kam noch zur rechten Zeit, um es
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in ein großes Loch unter der Hecke schlüpfen zu sehen.
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Den nächsten Augenblick war sie ihm nach in das Loch hineingesprungen,
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ohne zu bedenken, wie in aller Welt sie wieder herauskommen könnte.
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Der Eingang zum Kaninchenbau lief erst geradeaus, wie ein Tunnel und
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ging dann plötzlich abwärts; ehe Alice noch den Gedanken fassen konnte
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sich schnell festzuhalten, fühlte sie schon, daß sie fiel, wie es
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schien, in einen tiefen, tiefen Brunnen.
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Entweder mußte der Brunnen sehr tief sein, oder sie fiel sehr langsam;
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denn sie hatte Zeit genug, sich beim Fallen umzusehen und sich zu
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wundern, was nun wohl geschehen würde. Zuerst versuchte sie hinunter zu
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sehen, um zu wissen wohin sie käme, aber es war zu dunkel etwas zu
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erkennen. Da besah sie die Wände des Brunnens und bemerkte, daß sie mit
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Küchenschränken und Bücherbrettern bedeckt waren; hier und da erblickte
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sie Landkarten und Bilder, an Haken aufgehängt. Sie nahm im Vorbeifallen
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von einem der Bretter ein Töpfchen mit der Aufschrift: »_Eingemachte
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Apfelsinen_«, aber zu ihrem großen Verdruß war es leer. Sie wollte es
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nicht fallen lassen, aus Furcht Jemand unter sich zu tödten; und es
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gelang ihr, es in einen andern Schrank, an dem sie vorbeikam, zu
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schieben.
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»Nun!« dachte Alice bei sich, »nach einem solchen Fall werde ich mir
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nichts daraus machen, wenn ich die Treppe hinunter stolpere. Wie muthig
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sie mich zu Haus finden werden! Ich würde nicht viel Redens machen, wenn
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ich selbst von der Dachspitze hinunter fiele!« (Was sehr wahrscheinlich
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war.)
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Hinunter, hinunter, hinunter! Wollte denn der Fall nie endigen? »Wie
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viele Meilen ich wohl jetzt gefallen bin!« sagte sie laut. »Ich muß
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ungefähr am Mittelpunkt der Erde sein. Laß sehen: das wären achthundert
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und funfzig Meilen, glaube ich --« (denn ihr müßt wissen, Alice hatte
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dergleichen in der Schule gelernt, und obgleich dies keine _sehr_ gute
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Gelegenheit war, ihre Kenntnisse zu zeigen, da Niemand zum Zuhören da
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war, so übte sie es sich doch dabei ein) -- »ja, das ist ungefähr die
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Entfernung; aber zu welchem Länge- und Breitegrade ich wohl gekommen
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sein mag?« (Alice hatte nicht den geringsten Begriff, was weder
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Längegrad noch Breitegrad war; doch klangen ihr die Worte großartig und
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nett zu sagen.)
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Bald fing sie wieder an. »Ob ich wohl ganz durch die Erde fallen werde!
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Wie komisch das sein wird, bei den Leuten heraus zu kommen, die auf dem
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Kopfe gehen! die Antipathien, glaube ich.« (Diesmal war es ihr ganz
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lieb, daß Niemand zuhörte, denn das Wort klang ihr gar nicht recht.)
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»Aber natürlich werde ich sie fragen müssen, wie das Land heißt. Bitte,
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liebe Dame, ist dies Neu-Seeland oder Australien?« (Und sie versuchte
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dabei zu knixen, -- denkt doch, knixen, wenn man durch die Luft fällt!
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Könntet ihr das fertig kriegen?) »Aber sie werden mich für ein
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unwissendes kleines Mädchen halten, wenn ich frage! Nein, es geht nicht
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an zu fragen; vielleicht sehe ich es irgendwo angeschrieben.«
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Hinunter, hinunter, hinunter! Sie konnte nichts weiter thun, also fing
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_Alice_ bald wieder zu sprechen an. »_Dinah_ wird mich gewiß heut Abend
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recht suchen!« (_Dinah_ war die Katze.) »Ich hoffe, sie werden ihren Napf
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Milch zur Theestunde nicht vergessen. _Dinah!_ Mies! ich wollte, du wärest
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hier unten bei mir. Mir ist nur bange, es giebt keine Mäuse in der Luft;
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aber du könntest einen Spatzen fangen; die wird es hier in der Luft wohl
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geben, glaubst du nicht? Und Katzen fressen doch Spatzen?« Hier wurde
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Alice etwas schläfrig und redete halb im Traum fort. »Fressen Katzen
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gern Spatzen? Fressen Katzen gern Spatzen? Fressen Spatzen gern Katzen?«
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Und da ihr Niemand zu antworten brauchte, so kam es gar nicht darauf
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an, wie sie die Frage stellte. Sie fühlte, daß sie einschlief und hatte
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eben angefangen zu träumen, sie gehe Hand in Hand mit _Dinah_ spazieren,
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und frage sie ganz ernsthaft: »Nun, _Dinah_, sage die Wahrheit, hast du je
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einen Spatzen gefressen?« da mit einem Male, plump! plump! kam sie auf
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einen Haufen trocknes Laub und Reisig zu liegen, -- und der Fall war aus.
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Alice hatte sich gar nicht weh gethan. Sie sprang sogleich auf und sah
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in die Höhe; aber es war dunkel über ihr. Vor ihr lag ein zweiter langer
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Gang, und sie konnte noch eben das weiße Kaninchen darin entlang laufen
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sehen. Es war kein Augenblick zu verlieren: fort rannte Alice wie der
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Wind, und hörte es gerade noch sagen, als es um eine Ecke bog: »O, Ohren
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und Schnurrbart, wie spät es ist!« Sie war dicht hinter ihm, aber als
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sie um die Ecke bog, da war das Kaninchen nicht mehr zu sehen. Sie
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befand sich in einem langen, niedrigen Corridor, der durch eine Reihe
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Lampen erleuchtet war, die von der Decke herabhingen.
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Zu beiden Seiten des Corridors waren Thüren; aber sie waren alle
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verschlossen. Alice versuchte jede Thür erst auf einer Seite, dann auf
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der andern; endlich ging sie traurig in der Mitte entlang, überlegend,
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wie sie je heraus kommen könnte.
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Plötzlich stand sie vor einem kleinen dreibeinigen Tische, _ganz von
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dickem Glas_. Es war nichts darauf als ein winziges goldenes
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Schlüsselchen, und _Alice's_ erster Gedanke war, dies möchte zu einer der
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Thüren des Corridors gehören. Aber ach! entweder waren die Schlösser zu
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groß, oder der Schlüssel war zu klein; kurz, er paßte zu keiner
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einzigen. Jedoch, als sie das zweite Mal herum ging, kam sie an einen
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niedrigen Vorhang, den sie vorher nicht bemerkt hatte, und dahinter war
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eine Thür, ungefähr funfzehn Zoll hoch. Sie steckte das goldene
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Schlüsselchen in's Schlüsselloch, und zu ihrer großen Freude paßte es.
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Alice schloß die Thür auf und fand, daß sie zu einem kleinen Gange
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führte, nicht viel größer als ein Mäuseloch. Sie kniete nieder und sah
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durch den Gang in den reizendsten Garten, den man sich denken kann. Wie
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wünschte sie, aus dem dunkeln Corridor zu gelangen, und unter den bunten
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Blumenbeeten und kühlen Springbrunnen umher zu wandern; aber sie konnte
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kaum den Kopf durch den Eingang stecken. »Und wenn auch mein Kopf
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hindurch ginge,« dachte die arme Alice, »was würde es nützen ohne die
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Schultern. O, ich möchte mich zusammenschieben können wie ein Teleskop!
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Das geht gewiß, wenn ich nur wüßte, wie man es anfängt.« Denn es war
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kürzlich so viel Merkwürdiges mit ihr vorgegangen, daß Alice anfing zu
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glauben, es sei fast nichts unmöglich.
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[Illustration]
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Es schien ihr ganz unnütz, länger bei der kleinen Thür zu warten. Daher
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ging sie zum Tisch zurück, halb und halb hoffend, sie würde noch einen
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Schlüssel darauf finden, oder jedenfalls ein Buch mit Anweisungen, wie
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man sich als Teleskop zusammenschieben könne. Diesmal fand sie ein
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Fläschchen darauf. »Das gewiß vorhin nicht hier stand,« sagte Alice; und
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um den Hals des Fläschchens war ein Zettel gebunden, mit den Worten
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»_Trinke mich!_« wunderschön in großen Buchstaben drauf gedruckt.
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|
[Illustration]
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Es war bald gesagt, »Trinke mich«, aber die altkluge kleine Alice wollte
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sich damit nicht übereilen. »Nein, ich werde erst nachsehen,« sprach
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sie, »ob ein Todtenkopf darauf ist oder nicht.« Denn sie hatte mehre
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hübsche Geschichten gelesen von Kindern, die sich verbrannt hatten oder
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sich von wilden Thieren hatten fressen lassen, und in andere unangenehme
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Lagen gerathen waren, nur weil sie nicht an die Warnungen dachten, die
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ihre Freunde ihnen gegeben hatten; zum Beispiel, daß ein rothglühendes
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Eisen brennt, wenn man es anfaßt; und daß wenn man sich mit einem
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Messer tief in den Finger schneidet, es gewöhnlich blutet. Und sie hatte
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nicht vergessen, daß wenn man viel aus einer Flasche mit einem
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Todtenkopf darauf trinkt, es einem unfehlbar schlecht bekommt.
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Diese Flasche jedoch hatte keinen Todtenkopf. Daher wagte Alice zu
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kosten; und da es ihr gut schmeckte (es war eigentlich wie ein Gemisch
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von Kirschkuchen, Sahnensauce, Ananas, Putenbraten, Naute und Armen
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Rittern), so trank sie die Flasche aus.
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* * * * *
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»Was für ein komisches Gefühl!« sagte Alice. »Ich gehe gewiß zu wie ein
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Teleskop.«
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Und so war es in der That: jetzt war sie nur noch zehn Zoll hoch, und
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ihr Gesicht leuchtete bei dem Gedanken, daß sie nun die rechte Höhe
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habe, um durch die kleine Thür in den schönen Garten zu gehen. Doch
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erst wartete sie einige Minuten, ob sie noch mehr einschrumpfen werde.
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Sie war einigermaßen ängstlich; »denn es könnte damit aufhören,« sagte
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Alice zu sich selbst, »daß ich ganz ausginge, wie ein Licht. Mich
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wundert, wie ich dann aussähe?« Und sie versuchte sich vorzustellen, wie
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die Flamme von einem Lichte aussieht, wenn das Licht ausgeblasen ist;
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aber sie konnte sich nicht erinnern, dies je gesehen zu haben.
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Nach einer Weile, als sie merkte daß weiter nichts geschah, beschloß
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sie, gleich in den Garten zu gehen. Aber, arme Alice! als sie an die
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Thür kam, hatte sie das goldene Schlüsselchen vergessen. Sie ging nach
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dem Tische zurück, es zu holen, fand aber, daß sie es unmöglich
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erreichen konnte. Sie sah es ganz deutlich durch das Glas, und sie gab
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sich alle Mühe an einem der Tischfüße hinauf zu klettern, aber er war zu
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glatt; und als sie sich ganz müde gearbeitet hatte, setzte sich das
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arme, kleine Ding hin und weinte.
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»Still, was nützt es so zu weinen!« sagte Alice ganz böse zu sich
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selbst; »ich rathe dir, den Augenblick aufzuhören!« Sie gab sich oft
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sehr guten Rath (obgleich sie ihn selten befolgte), und manchmal schalt
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sie sich selbst so strenge, daß sie sich zum Weinen brachte; und
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einmal, erinnerte sie sich, hatte sie versucht sich eine Ohrfeige zu
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geben, weil sie im Croquet betrogen hatte, als sie gegen sich selbst
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spielte; denn dieses eigenthümliche Kind stellte sehr gern zwei Personen
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vor. »Aber jetzt hilft es zu nichts,« dachte die arme Alice, »zu thun
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als ob ich zwei verschiedene Personen wäre. Ach! es ist ja kaum genug
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von mir übrig zu _einer_ anständigen Person!«
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Bald fiel ihr Auge auf eine kleine Glasbüchse, die unter dem Tische lag;
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sie öffnete sie und fand einen sehr kleinen Kuchen darin, auf welchem
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die Worte »_Iß mich!_« schön in kleinen Rosinen geschrieben standen. »Gut,
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ich will ihn essen,« sagte Alice, »und wenn ich davon größer werde, so
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kann ich den Schlüssel erreichen; wenn ich aber kleiner davon werde, so
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kann ich unter der Thür durchkriechen. So, auf jeden Fall, gelange ich
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in den Garten, -- es ist mir einerlei wie.«
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Sie aß ein Bißchen, und sagte neugierig zu sich selbst: »Aufwärts oder
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abwärts?« Dabei hielt sie die Hand prüfend auf ihren Kopf und war ganz
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erstaunt zu bemerken, daß sie dieselbe Größe behielt. Freilich geschieht
|
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dies gewöhnlich, wenn man Kuchen ißt; aber Alice war schon so an
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wunderbare Dinge gewöhnt, daß es ihr ganz langweilig schien, wenn das
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Leben so natürlich fortging.
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Sie machte sich also daran, und verzehrte den Kuchen völlig.
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|
Zweites Kapitel.
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|
Der Thränenpfuhl.
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[Illustration]
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»Verquerer und verquerer!« rief Alice. (Sie war so überrascht, daß sie
|
|
im Augenblick ihre eigene _Sprache ganz vergaß_.) »Jetzt werde ich
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auseinander geschoben wie das längste Teleskop das es je gab! Lebt wohl,
|
|
Füße!« (Denn als sie auf ihre Füße hinabsah, konnte sie sie kaum mehr zu
|
|
Gesicht bekommen, so weit fort waren sie schon.) »O meine armen Füßchen!
|
|
wer euch wohl nun Schuhe und Strümpfe anziehen wird, meine Besten? denn
|
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ich kann es unmöglich thun! Ich bin viel zu weit ab, um mich mit euch
|
|
abzugeben! ihr müßt sehen, wie ihr fertig werdet. Aber gut muß ich zu
|
|
ihnen sein,« dachte Alice, »sonst gehen sie vielleicht nicht, wohin ich
|
|
gehen möchte. Laß mal sehen: ich will ihnen jeden Weihnachten ein Paar
|
|
neue Stiefel schenken.«
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|
Und sie dachte sich aus, wie sie das anfangen würde. »Sie müssen per
|
|
Fracht gehen,« dachte sie; »wie drollig es sein wird, seinen eignen
|
|
Füßen ein Geschenk zu schicken! und wie komisch die Adresse aussehen
|
|
wird! --
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|
_An_
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|
_Alice's rechten Fuß, Wohlgeboren,_
|
|
_Fußteppich,_
|
|
_nicht weit vom Kamin,_
|
|
_mit Alice's Grüßen_.
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|
»Oh, was für Unsinn ich schwatze!«
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|
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|
Gerade in dem Augenblick stieß sie mit dem Kopf an die Decke: sie war in
|
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der That über neun Fuß groß. Und sie nahm sogleich den kleinen goldenen
|
|
Schlüssel auf und rannte nach der Gartenthür.
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|
Arme Alice! das Höchste was sie thun konnte war, auf der Seite liegend,
|
|
mit einem Auge nach dem Garten hinunterzusehen; aber an Durchgehen war
|
|
weniger als je zu denken. Sie setzte sich hin und fing wieder an zu
|
|
weinen.
|
|
|
|
»Du solltest dich schämen,« sagte Alice, »solch großes Mädchen« (da
|
|
hatte sie wohl recht) »noch so zu weinen! Höre gleich auf, sage ich
|
|
dir!« Aber sie weinte trotzdem fort, und vergoß Thränen eimerweise, bis
|
|
sich zuletzt ein großer Pfuhl um sie bildete, ungefähr vier Zoll tief
|
|
und den halben Corridor lang.
|
|
|
|
Nach einem Weilchen hörte sie Schritte in der Entfernung und trocknete
|
|
schnell ihre Thränen, um zu sehen wer es sei. Es war das weiße
|
|
Kaninchen, das prachtvoll geputzt zurückkam, mit einem Paar weißen
|
|
Handschuhen in einer Hand und einen Fächer in der andern. Es trippelte
|
|
in großer Eile entlang vor sich hin redend: »Oh! die Herzogin, die
|
|
Herzogin! die wird mal außer sich sein, wenn ich sie warten lasse!«
|
|
Alice war so rathlos, daß sie Jeden um Hülfe angerufen hätte. Als das
|
|
Kaninchen daher in ihre Nähe kam, fing sie mit leiser, schüchterner
|
|
Stimme an: »Bitte, lieber Herr. --« Das Kaninchen fuhr zusammen, ließ
|
|
die weißen Handschuhe und den Fächer fallen und lief davon in die Nacht
|
|
hinein, so schnell es konnte.
|
|
|
|
[Illustration]
|
|
|
|
Alice nahm den Fächer und die Handschuhe auf, und da der Gang sehr heiß
|
|
war, fächelte sie sich, während sie so zu sich selbst sprach:
|
|
»Wunderbar! -- wie seltsam heute Alles ist! Und gestern war es ganz wie
|
|
gewöhnlich. Ob ich wohl in der Nacht umgewechselt worden bin? Laß mal
|
|
sehen: war ich dieselbe, als ich heute früh aufstand? Es kommt mir fast
|
|
vor, als hätte ich wie eine Veränderung in mir gefühlt. Aber wenn ich
|
|
nicht dieselbe bin, dann ist die Frage: wer in aller Welt bin ich? Ja,
|
|
das ist das Räthsel!« So ging sie in Gedanken alle Kinder ihres Alters
|
|
durch, die sie kannte, um zu sehen, ob sie in eins davon verwandelt
|
|
wäre.
|
|
|
|
»Ich bin sicherlich nicht Ida,« sagte sie, »denn die trägt lange Locken,
|
|
und mein Haar ist gar nicht lockig; und bestimmt kann ich nicht Clara
|
|
sein, denn ich weiß eine ganze Menge, und sie, oh! sie weiß so sehr
|
|
wenig! Außerdem, sie ist sie selbst, und ich bin ich, und, o wie confus
|
|
es Alles ist! Ich will versuchen, ob ich noch Alles weiß, was ich sonst
|
|
wußte. Laß sehen: vier mal fünf ist zwölf, und vier mal sechs ist
|
|
dreizehn, und vier mal sieben ist -- o weh! auf die Art komme ich nie
|
|
bis zwanzig! Aber, das Einmaleins hat nicht so viel zu sagen; ich will
|
|
Geographie nehmen. London ist die Hauptstadt von Paris, und Paris ist
|
|
die Hauptstadt von Rom, und Rom -- nein, ich wette, das ist Alles
|
|
falsch! Ich muß in Clara verwandelt sein! Ich will doch einmal sehen, ob
|
|
ich sagen kann: »Bei einem Wirthe --« und sie faltete sie Hände, als ob
|
|
sie ihrer Lehrerin hersagte, und fing an; aber ihre Stimme klang rauh
|
|
und ungewohnt, und die Worte kamen nicht wie sonst: --
|
|
|
|
»Bei einem Wirthe, wunderwild,
|
|
Da war ich jüngst zu Gaste,
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|
Ein Bienennest das war sein Schild
|
|
In einer braunen Tatze.
|
|
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|
Es war der grimme Zottelbär,
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|
Bei dem ich eingekehret;
|
|
Mit süßem Honigseim hat er
|
|
Sich selber wohl genähret!«
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|
|
|
»Das kommt mir gar nicht richtig vor,« sagte die arme Alice, und Thränen
|
|
kamen ihr in die Augen, als sie weiter sprach: »Ich muß doch Clara sein,
|
|
und ich werde in dem alten kleinen Hause wohnen müssen, und beinah keine
|
|
Spielsachen zum Spielen haben, und ach! so viel zu lernen! Nein, das
|
|
habe ich mir vorgenommen: wenn ich Clara bin, will ich hier unten
|
|
bleiben! Es soll ihnen nichts helfen, wenn sie die Köpfe
|
|
zusammenstecken und herunter rufen: »Komm wieder herauf, Herzchen!« Ich
|
|
will nur hinauf sehen und sprechen: wer bin ich denn? Sagt mir das erst,
|
|
und dann, wenn ich die Person gern bin, will ich kommen; wo nicht, so
|
|
will ich hier unten bleiben, bis ich jemand Anderes bin. -- Aber o weh!«
|
|
schluchzte Alice plötzlich auf, »ich wünschte, sie sähen herunter! Es
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ist mir so langweilig, hier ganz allein zu sein!«
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Als sie so sprach, sah sie auf ihre Hände hinab und bemerkte mit
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Erstaunen, daß sie beim Reden einen von den weißen Glacee-Handschuhen
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des Kaninchens angezogen hatte. »Wie habe ich das nur angefangen?«
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dachte sie. »Ich muß wieder klein geworden sein.« Sie stand auf, ging
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nach dem Tische, um sich daran zu messen, und fand, daß sie noch
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ungefähr zwei Fuß hoch sei, dabei schrumpfte sie noch zusehends ein: sie
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merkte bald, daß die Ursache davon der Fächer war, den sie hielt; sie
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warf ihn schnell hin, noch zur rechten Zeit, sich vor gänzlichem
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Verschwinden zu retten.
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»Das war glücklich davon gekommen!« sagte Alice, sehr erschrocken über
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die plötzliche Veränderung, aber froh, daß sie noch existirte; »und nun
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in den Garten!« und sie lief eilig nach der kleinen Thür: aber ach! die
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kleine Thür war wieder verschlossen und das goldene Schlüsselchen lag
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auf dem Glastische wie vorher. »Und es ist schlimmer als je,« dachte das
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arme Kind, »denn so klein bin ich noch nie gewesen, nein, nie! Und ich
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sage, es ist zu schlecht, ist es!«
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[Illustration]
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Wie sie diese Worte sprach, glitt sie aus, und den nächsten Augenblick,
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platsch! fiel sie bis an's Kinn in Salzwasser. Ihr erster Gedanke war,
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sie sei in die See gefallen, »und in dem Fall kann ich mit der Eisenbahn
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zurückreisen,« sprach sie bei sich. (Alice war einmal in ihrem Leben an
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der See gewesen und war zu dem allgemeinen Schluß gelangt, daß wo man
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auch an's Seeufer kommt, man eine Anzahl Bademaschinen im Wasser
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findet, Kinder, die den Sand mit hölzernen Spaten aufgraben, dann eine
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Reihe Wohnhäuser und dahinter eine Eisenbahn-Station); doch merkte sie
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bald, daß sie sich in dem Thränenpfuhl befand, den sie geweint hatte,
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als sie neun Fuß hoch war.
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»Ich wünschte, ich hätte nicht so sehr geweint!« sagte Alice, als sie
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umherschwamm und sich herauszuhelfen suchte; »jetzt werde ich wohl dafür
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bestraft werden und in meinen eigenen Thränen ertrinken! Das _wird_
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sonderbar sein, das! Aber Alles ist heut so sonderbar.«
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In dem Augenblicke hörte sie nicht weit davon etwas in dem Pfuhle
|
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plätschern, und sie schwamm danach, zu sehen was es sei: erst glaubte
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sie, es müsse ein Wallroß oder ein Nilpferd sein; dann aber besann sie
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sich, wie klein sie jetzt war, und merkte bald, daß es nur eine Maus
|
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sei, die wie sie hineingefallen war.
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»Würde es wohl etwas nützen,« dachte Alice, »diese Maus anzureden? Alles
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ist so wunderlich hier unten, daß ich glauben möchte, sie kann sprechen;
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auf jeden Fall habe ich das Fragen umsonst.« Demnach fing sie an: »O
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Maus, weißt du, wie man aus diesem Pfuhle gelangt, ich bin von dem
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Herumschwimmen ganz müde, o Maus!« (Alice dachte, so würde eine Maus
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richtig angeredet; sie hatte es zwar noch nie gethan, aber sie erinnerte
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sich ganz gut, in ihres Bruders lateinischer Grammatik gelesen zu haben
|
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»Eine Maus -- einer Maus -- einer Maus -- eine Maus -- o Maus!«) Die
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Maus sah sie etwas neugierig an und schien ihr mit dem einen Auge zu
|
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blinzeln, aber sie sagte nichts.
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»Vielleicht versteht sie nicht Englisch,« dachte Alice, »es ist
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vielleicht eine französische Maus, die mit Wilhelm dem Eroberer herüber
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gekommen ist« (denn, trotz ihrer Geschichtskenntiß hatte Alice keinen
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ganz klaren Begriff, wie lange irgend ein Ereigniß her sei). Sie fing
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also wieder an: »=Où est ma chatte?=« was der erste Satz in ihrem
|
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französischen Conversationsbuche war. Die Maus sprang hoch auf aus dem
|
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Wasser, und schien vor Angst am ganzen Leibe zu beben. »O, ich bitte um
|
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Verzeihung!« rief Alice schnell, erschrocken, daß sie das arme Thier
|
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verletzt habe. »Ich hatte ganz vergessen, daß Sie Katzen nicht mögen.«
|
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»Katzen nicht mögen!« schrie die Maus mit kreischender, wüthender
|
|
Stimme. »Würdest du Katzen mögen, wenn du an meiner Stelle wärest?«
|
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[Illustration]
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»Nein, wohl kaum,« sagte Alice in zuredendem Tone: »sei nicht mehr böse
|
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darüber. Und doch möchte ich dir unsere Katze Dinah zeigen können. Ich
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glaube, du würdest Geschmack für Katzen bekommen, wenn du sie nur sehen
|
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könntest. Sie ist ein so liebes ruhiges Thier,« sprach Alice fort, halb
|
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zu sich selbst, wie sie gemüthlich im Pfuhle daherschwamm; »sie sitzt
|
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und spinnt so nett beim Feuer, leckt sich die Pfoten und wäscht sich das
|
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Schnäuzchen -- und sie ist so hübsch weich auf dem Schoß zu haben -- und
|
|
sie ist solch famoser Mäusefänger -- oh, ich bitte um Verzeihung!« sagte
|
|
Alice wieder, denn diesmal sträubte sich das ganze Fell der armen Maus,
|
|
und Alice dachte, sie müßte sicherlich sehr beleidigt sein. »Wir wollen
|
|
nicht mehr davon reden, wenn du es nicht gern hast.«
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|
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|
»Wir, wirklich!« entgegnete die Maus, die bis zur Schwanzspitze
|
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zitterte. »Als ob ich je über solchen Gegenstand spräche! Unsere Familie
|
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hat von jeher Katzen verabscheut: häßliche, niedrige, gemeine Dinger!
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|
Laß mich ihren Namen nicht wieder hören!«
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»Nein, gewiß nicht!« sagte Alice, eifrig bemüht, einen andern Gegenstand
|
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der Unterhaltung zu suchen. »Magst du -- magst du gern Hunde?« Die Maus
|
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antwortete nicht, daher fuhr Alice eifrig fort: »Es wohnt ein so
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reizender kleiner Hund nicht weit von unserm Hause. Den möchte ich dir
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zeigen können! Ein kleiner klaräugiger Wachtelhund, weißt du, ach, mit
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solch krausem braunen Fell! Und er apportirt Alles, was man ihm
|
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hinwirft, und er kann aufrecht stehen und um sein Essen betteln, und so
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viel Kunststücke -- ich kann mich kaum auf die Hälfte besinnen -- und er
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gehört einem Amtmann, weißt du, und er sagt, er ist so nützlich, er ist
|
|
ihm hundert Pfund werth! Er sagt, er vertilgt alle Ratten und -- oh wie
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dumm!« sagte Alice in reumüthigem Tone. »Ich fürchte, ich habe ihr
|
|
wieder weh gethan!« Denn die Maus schwamm so schnell sie konnte von ihr
|
|
fort und brachte den Pfuhl dadurch in förmliche Bewegung.
|
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|
Sie rief ihr daher zärtlich nach: »Liebes Mäuschen! Komm wieder zurück,
|
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und wir wollen weder von Katzen noch von Hunden reden, wenn du sie nicht
|
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gern hast!« Als die Maus das hörte, wandte sie sich um und schwamm
|
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langsam zu ihr zurück; ihr Gesicht war ganz blaß (vor Aerger, dachte
|
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Alice), und sie sagte mit leiser, zitternder Stimme: »Komm mit mir an's
|
|
Ufer, da will ich dir meine Geschichte erzählen; dann wirst du
|
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begreifen, warum ich Katzen und Hunde nicht leiden kann.«
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Es war hohe Zeit sich fortzumachen; denn der Pfuhl begann von allerlei
|
|
Vögeln und Gethier zu wimmeln, die hinein gefallen waren: da war eine
|
|
Ente und ein Dodo, ein rother Papagei und ein junger Adler, und mehre
|
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andere merkwürdige Geschöpfe. Alice führte sie an, und die ganze
|
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Gesellschaft schwamm an's Ufer.
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[Illustration]
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Drittes Kapitel.
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Caucus-Rennen und was daraus wird.
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Es war in der That eine wunderliche Gesellschaft, die sich am Strande
|
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versammelte -- die Vögel mit triefenden Federn, die übrigen Thiere mit
|
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fest anliegendem Fell, Alle durch und durch naß, verstimmt und
|
|
unbehaglich. --
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|
Die erste Frage war, wie sie sich trocknen könnten: es wurde eine
|
|
Berathung darüber gehalten, und nach wenigen Minuten kam es Alice
|
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ganz natürlich vor, vertraulich mit ihnen zu schwatzen, als ob sie
|
|
sie ihr ganzes Leben gekannt hätte. Sie hatte sogar eine lange
|
|
Auseinandersetzung mit dem Papagei, der zuletzt brummig wurde und nur
|
|
noch sagte: »ich bin älter als du und muß es besser wissen;« dies wollte
|
|
Alice nicht zugeben und fragte nach seinem Alter, und da der Papagei es
|
|
durchaus nicht sagen wollte, so blieb die Sache unentschieden.
|
|
|
|
Endlich rief die Maus, welche eine Person von Gewicht unter ihnen zu
|
|
sein schien: »Setzt euch, ihr Alle, und hört mir zu! ich will euch bald
|
|
genug trocken machen!« Alle setzten sich sogleich in einen großen Kreis
|
|
nieder, die Maus in der Mitte. Alice hatte die Augen erwartungsvoll auf
|
|
sie gerichtet, denn sie war überzeugt, sie werde sich entsetzlich
|
|
erkälten, wenn sie nicht sehr bald trocken würde.
|
|
|
|
»Hm!« sagte die Maus mit wichtiger Miene, »seid ihr Alle so weit? Es ist
|
|
das Trockenste, worauf ich mich besinnen kann. Alle still, wenn ich
|
|
bitten darf! -- Wilhelm der Eroberer, dessen Ansprüche vom Papste
|
|
begünstigt wurden, fand bald Anhang unter den Engländern, die einen
|
|
Anführer brauchten, und die in jener Zeit sehr an Usurpation und
|
|
Eroberungen gewöhnt waren. Edwin und Morcar, Grafen von Mercia und
|
|
Northumbria --«
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|
»_Oooh_!« gähnte der Papagei und schüttelte sich.
|
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|
|
»Bitte um Verzeihung!« sprach die Maus mit gerunzelter Stirne, aber sehr
|
|
höflich; »bemerkten Sie etwas?«
|
|
|
|
»Ich nicht!« erwiederte schnell der Papagei.
|
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|
|
»Es kam mir so vor,« sagte die Maus. -- »Ich fahre fort: Edwin und
|
|
Morcar, Grafen von Mercia und Northumbria, erklärten sich für ihn; und
|
|
selbst Stigand, der patriotische Erzbischof von Canterbury fand es
|
|
rathsam --«
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»Fand _was_?« unterbrach die Ente.
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|
»Fand _es_,« antwortete die Maus ziemlich aufgebracht: »du wirst doch wohl
|
|
wissen, was _es_ bedeutet.«
|
|
|
|
»Ich weiß sehr wohl, was _es_ bedeutet, wenn _ich_ etwas finde«, sagte die
|
|
Ente: »_es_ ist gewöhnlich ein Frosch oder ein Wurm. Die Frage ist, was
|
|
fand der Erzbischof?«
|
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|
Die Maus beachtete die Frage nicht, sondern fuhr hastig fort: -- »fand
|
|
es rathsam, von Edgar Atheling begleitet, Wilhelm entgegen zu gehen und
|
|
ihm die Krone anzubieten. Wilhelms Benehmen war zuerst gemäßigt, aber
|
|
die Unverschämtheit der Normannen -- wie steht's jetzt, Liebe?« fuhr sie
|
|
fort, sich an Alice wendend.
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»Noch ganz eben so naß,« sagte Alice schwermüthig; »es scheint mich gar
|
|
nicht trocken zu machen.«
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|
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»In dem Fall,« sagte der Dodo feierlich, indem er sich erhob, »stelle
|
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ich den Antrag, daß die Versammlung sich vertage und zur unmittelbaren
|
|
Anwendung von wirksameren Mitteln schreite.«
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|
|
»Sprich deutlich!« sagte der Adler. »Ich verstehe den Sinn von deinen
|
|
langen Wörtern nicht, und ich wette, du auch nicht!« Und der Adler
|
|
bückte sich, um ein Lächeln zu verbergen; einige der andern Vögel
|
|
kicherten hörbar.
|
|
|
|
»Was sich sagen wollte,« sprach der Dodo in gereiztem Tone, »war, daß
|
|
das beste Mittel uns zu trocknen ein Caucus-Rennen wäre.«
|
|
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|
»Was ist ein Caucus-Rennen?« sagte Alice, nicht daß ihr viel daran lag
|
|
es zu wissen; aber der Dodo hatte angehalten, als ob er eine Frage
|
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erwarte, und Niemand anders schien aufgelegt zu reden.
|
|
|
|
»Nun,« meinte der Dodo, »die beste Art, es zu erklären, ist, es zu
|
|
spielen.« (Und da ihr vielleicht das Spiel selbst einen
|
|
Winter-Nachmittag versuchen möchtet, so will ich erzählen, wie der Dodo
|
|
es anfing.)
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Erst bezeichnete er die Bahn, eine Art Kreis (»es kommt nicht genau auf
|
|
die Form an,« sagte er), und dann wurde die ganze Gesellschaft hier und
|
|
da auf der Bahn aufgestellt. Es wurde kein »eins, zwei drei, fort!«
|
|
gezählt, sondern sie fingen an zu laufen wenn es ihnen einfiel, hörten
|
|
auf wie es ihnen einfiel, so daß es nicht leicht zu entscheiden war,
|
|
wann das Rennen zu Ende war. Als sie jedoch ungefähr eine halbe Stunde
|
|
gerannt und vollständig getrocknet waren, rief der Dodo plötzlich: »Das
|
|
Rennen ist aus!« und sie drängten sich um ihn, außer Athem, mit der
|
|
Frage: »Aber wer hat gewonnen?«
|
|
|
|
Diese Frage konnte der Dodo nicht ohne tiefes Nachdenken beantworten,
|
|
und er saß lange mit einem Finger an die Stirn gelegt (die Stellung, in
|
|
der ihr meistens Shakespeare in seinen Bildern seht), während die
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Uebrigen schweigend auf ihn warteten. Endlich sprach der Dodo: »Jeder
|
|
hat gewonnen, und Alle sollen Preise haben.«
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|
»Aber wer soll die Preise geben?« fragte ein ganzer Chor von Stimmen.
|
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|
»Versteht sich, sie!« sagte der Dodo, mit dem Finger auf Alice zeigend,
|
|
und sogleich umgab sie die ganze Gesellschaft, Alle durch einander
|
|
rufend: »Preise Preise!«
|
|
|
|
Alice wußte nicht im Geringsten, was da zu thun sei; in ihrer
|
|
Verzweiflung fuhr sie mit der Hand in die Tasche und zog eine Schachtel
|
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Zuckerplätzchen hervor (glücklicherweise war das Salzwasser nicht hinein
|
|
gedrungen); die vertheilte sie als Preise. Sie reichten gerade herum,
|
|
eins für Jeden.
|
|
|
|
»Aber sie selbst muß auch einen Preis bekommen, wißt ihr,« sagte die
|
|
Maus.
|
|
|
|
»Versteht sich,« entgegnete der Dodo ernst. »Was hast du noch in der
|
|
Tasche?« fuhr er zu Alice gewandt fort.
|
|
|
|
»Nur einen Fingerhut,« sagte Alice traurig.
|
|
|
|
»Reiche ihn mir herüber,« versetzte der Dodo. Darauf versammelten sich
|
|
wieder Alle um sie, während der Dodo ihr den Fingerhut feierlich
|
|
überreichte, mit den Worten: »Wir bitten, Sie wollen uns gütigst mit der
|
|
Annahme dieses eleganten Fingerhutes beehren;« und als er diese kurze
|
|
Rede beendigt hatte, folgte allgemeines Beifallklatschen.
|
|
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|
[Illustration]
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Alice fand dies Alles höchst albern; aber die ganze Gesellschaft sah so
|
|
ernst aus, daß sie sich nicht zu lachen getraute, und da ihr keine
|
|
passende Antwort einfiel, verbeugte sie sich einfach und nahm den
|
|
Fingerhut ganz ehrbar in Empfang.
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|
Nun mußten zunächst die Zuckerplätzchen verzehrt werden, was nicht wenig
|
|
Lärm und Verwirrung hervorrief; die großen Vögel nämlich beklagten sich,
|
|
daß sie nichts schmecken konnten, die kleinen aber verschluckten sich
|
|
und mußten auf den Rücken geklopft werden. Endlich war auch dies
|
|
vollbracht, und Alle setzten sich im Kreis herum und drangen in das
|
|
Mäuslein, noch etwas zu erzählen.
|
|
|
|
»Du hast mir deine Geschichte versprochen,« sagte Alice -- »und woher es
|
|
kommt, daß du K. und H. nicht leiden kannst,« fügte sie leise hinzu, um
|
|
nur das niedliche Thierchen nicht wieder böse zu machen.
|
|
|
|
»Ach,« seufzte das Mäuslein, »ihr macht euch ja aus meinem Erzählen doch
|
|
nichts; ich bin euch mit meiner Geschichte zu langschwänzig und zu
|
|
tragisch.« Dabei sah sie Alice fragend an.
|
|
|
|
»Langschwänzig! das muß wahr sein!« rief Alice und sah nun erst mit
|
|
rechter Verwunderung auf den geringelten Schwanz der Maus hinab; »aber
|
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wie so tragisch? was trägst du denn?« Während sie noch darüber nachsann,
|
|
fing die langschwänzige Erzählung schon an, folgendergestalt:
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Filax sprach zu
|
|
der Maus, die
|
|
er traf
|
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in dem
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Haus:
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»Geh' mit
|
|
mir vor
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Gericht,
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|
daß ich
|
|
dich
|
|
verklage.
|
|
Komm und
|
|
wehr' dich
|
|
nicht mehr;
|
|
ich muß
|
|
haben ein
|
|
Verhör,
|
|
denn ich
|
|
habe
|
|
nichts
|
|
zu thun
|
|
schon
|
|
zwei
|
|
Tage.«
|
|
Sprach die
|
|
Maus zum
|
|
Köter:
|
|
»Solch
|
|
Verhör,
|
|
lieber Herr,
|
|
ohne
|
|
Richter,
|
|
ohne
|
|
Zeugen
|
|
thut nicht
|
|
Noth.«
|
|
»Ich bin
|
|
Zeuge,
|
|
ich bin
|
|
Richter,«
|
|
sprach
|
|
er schlau
|
|
und schnitt
|
|
Gesichter,
|
|
»das Verhör
|
|
leite ich
|
|
und
|
|
verdamme
|
|
dich
|
|
zum
|
|
Tod!«
|
|
|
|
»Du paßt nicht auf!« sagte die Maus strenge zu Alice. »Woran denkst du?«
|
|
|
|
»Ich bitte um Verzeihung,« sagte Alice sehr bescheiden: »du warst bis
|
|
zur fünften Biegung gekommen, glaube ich?«
|
|
|
|
»Mit nichten!« sagte die Maus entschieden und sehr ärgerlich.
|
|
|
|
»Nichten!« rief Alice, die gern neue Bekanntschaften machte, und sah
|
|
sich neugierig überall um. »O, wo sind sie, deine Nichten? Laß mich
|
|
gehen und sie her holen!«
|
|
|
|
»Das werde ich schön bleiben lassen,« sagte die Maus, indem sie aufstand
|
|
und fortging. »Deinen Unsinn kann ich nicht mehr mit anhören!«
|
|
|
|
»Ich meinte es nicht böse!« entschuldigte sich die arme Alice. »Aber du
|
|
bist so sehr empfindlich, du!«
|
|
|
|
Das Mäuslein brummte nur als Antwort.
|
|
|
|
»Bitte, komm wieder, und erzähle deine Geschichte aus!« rief Alice ihr
|
|
nach; und die Andern wiederholten im Chor: »ja bitte!« aber das Mäuschen
|
|
schüttelte unwillig mit dem Kopfe und ging schnell fort.
|
|
|
|
»Wie schade, daß es nicht bleiben wollte!« seufzte der Papagei, sobald
|
|
es nicht mehr zu sehen war; und eine alte Unke nahm die Gelegenheit
|
|
wahr, zu ihrer Tochter zu sagen, »Ja, mein Kind! laß dir dies eine Lehre
|
|
sein, niemals _übler_ Laune zu sein!« »Halt den Mund, Mama!« sagte die
|
|
junge Unke, etwas naseweis.
|
|
|
|
»Wahrhaftig, du würdest die Geduld einer Auster erschöpfen!«
|
|
|
|
»Ich wünschte, ich hätte unsere Dinah hier, das wünschte ich!« sagte
|
|
Alice laut, ohne Jemand insbesondere anzureden. »Sie würde sie bald
|
|
zurückholen!«
|
|
|
|
»Und wer ist Dinah, wenn ich fragen darf?« sagte der Papagei.
|
|
|
|
Alice antwortete eifrig, denn sie sprach gar zu gern von ihrem Liebling:
|
|
»Dinah ist unsere Katze, und sie ist euch so geschickt im Mäusefangen,
|
|
ihr könnt's euch gar nicht denken! Und ach, hättet ihr sie nur Vögel
|
|
jagen sehen. Ich sage euch, sie frißt einen kleinen Vogel, so wie sie
|
|
ihn zu Gesicht bekommt.«
|
|
|
|
Diese Mittheilung verursachte große Aufregung in der Gesellschaft.
|
|
Einige der Vögel machten sich augenblicklich davon; eine alte Elster
|
|
fing an, sich sorgfältig einzuwickeln, indem sie bemerkte: »Ich muß
|
|
wirklich nach Hause gehen; die Nachtluft ist nicht gut für meinen Hals!«
|
|
und ein Canarienvogel piepte zitternd zu seinen Kleinen, »Kommt fort,
|
|
Kinder! es ist die höchste Zeit für euch, zu Bett zu gehen!« Unter
|
|
verschiedenen Entschuldigungen entfernten sie sich Alle, und Alice war
|
|
bald ganz allein.
|
|
|
|
»Hätte ich nur Dinah nicht erwähnt!« sprach sie bei sich mit betrübtem
|
|
Tone. »Niemand scheint sie gern zu haben, hier unten, und dabei ist sie
|
|
doch die beste Katze von der Welt! Oh, meine liebe Dinah! ob ich dich
|
|
wohl je wieder sehen werde!« dabei fing die arme Alice von Neuem zu
|
|
weinen an, denn sie fühlte sich gar zu einsam und muthlos. Nach einem
|
|
Weilchen jedoch hörte sie wieder ein Trappeln von Schritten in der
|
|
Entfernung und blickte aufmerksam hin, halb in der Hoffnung, daß die
|
|
Maus sich besonnen habe und zurückkomme, ihre Geschichte auszuerzählen.
|
|
|
|
|
|
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|
|
|
Viertes Kapitel.
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|
Die Wohnung des Kaninchens.
|
|
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|
|
|
Es war das weiße Kaninchen, das langsam zurückgewandert kam, indem es
|
|
sorgfältig beim Gehen umhersah, als ob es etwas verloren hätte, und sie
|
|
hörte wie es für sich murmelte: »die Herzogin! die Herzogin! Oh, meine
|
|
weichen Pfoten! o mein Fell und Knebelbart! Sie wird mich hängen lassen,
|
|
so gewiß Frettchen Frettchen sind! Wo ich sie kann haben fallen lassen,
|
|
begreife ich nicht!« Alice errieth augenblicklich, daß es den Fächer und
|
|
die weißen Glaceehandschuhe meinte, und gutmüthig genug fing sie an,
|
|
danach umher zu suchen, aber sie waren nirgends zu sehen -- Alles schien
|
|
seit ihrem Bade in dem Pfuhl verwandelt zu sein, und der große Corridor
|
|
mit dem Glastische und der kleinen Thür war gänzlich verschwunden.
|
|
|
|
Das Kaninchen erblickte Alice bald, und wie sie überall suchte, rief es
|
|
ihr ärgerlich zu: »Was, Marianne, was hast du hier zu schaffen? Renne
|
|
augenblicklich nach Hause, und hole mir ein Paar Handschuhe und einen
|
|
Fächer! Schnell, vorwärts!« Alice war so erschrocken, daß sie schnell in
|
|
der angedeuteten Richtung fortlief, ohne ihm zu erklären, daß es sich
|
|
versehen habe.
|
|
|
|
»Es hält mich für sein Hausmädchen,« sprach sie bei sich selbst und lief
|
|
weiter. »Wie es sich wundern wird, wenn es erfährt, wer ich bin! Aber
|
|
ich will ihm lieber seinen Fächer und seine Handschuhe bringen
|
|
-- nämlich, wenn ich sie finden kann.« Wie sie so sprach, kam sie an ein
|
|
nettes kleines Haus, an dessen Thür ein glänzendes Messingschild war mit
|
|
dem Namen »W. _Kaninchen_« darauf. Sie ging hinein ohne anzuklopfen, lief
|
|
die Treppe hinauf, in großer Angst, der wirklichen Marianne zu begegnen
|
|
und zum Hause hinausgewiesen zu werden, ehe sie den Fächer und die
|
|
Handschuhe gefunden hätte.
|
|
|
|
»Wie komisch es ist,« sagte Alice bei sich, »Besorgungen für ein
|
|
Kaninchen zu machen! Vermuthlich wird mir Dinah nächstens Aufträge
|
|
geben!« Und sie dachte sich schon aus, wie es Alles kommen würde:
|
|
|
|
»Fräulein Alice! Kommen Sie gleich, es ist Zeit zum Ausgehen für Sie!«
|
|
»Gleich Kinderfrau! aber ich muß dieses Mäuseloch hier bewachen bis
|
|
Dinah wiederkommt, und aufpassen, daß die Maus nicht herauskommt.« »Nur
|
|
würde Dinah,« dachte Alice weiter, »gewiß nicht im Hause bleiben dürfen,
|
|
wenn sie anfinge, die Leute so zu commandiren.«
|
|
|
|
Mittlerweile war sie in ein sauberes kleines Zimmer gelangt, mit einem
|
|
Tisch vor dem Fenster und darauf (wie sie gehofft hatte) ein Fächer und
|
|
zwei oder drei Paar winziger weißer Glaceehandschuhe; sie nahm den
|
|
Fächer und ein Paar Handschuhe und wollte eben das Zimmer verlassen, als
|
|
ihr Blick auf ein Fläschchen fiel, das bei dem Spiegel stand. Diesmal
|
|
war kein Zettel mit den Worten: »_Trink mich_« darauf, aber trotzdem zog
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sie den Pfropfen heraus und setzte es an die Lippen. »Ich weiß, _etwas_
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Merkwürdiges muß geschehen, sobald ich esse oder trinke; drum will ich
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versuchen, was dies Fläschchen thut. Ich hoffe, es wird mich wieder
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größer machen; denn es ist mir sehr langweilig, solch winzig kleines
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Ding zu sein!«
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Richtig, und zwar schneller, als sie erwartete: ehe sie das Fläschchen
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halb ausgetrunken hatte fühlte sie, wie ihr Kopf an die Decke stieß,
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und mußte sich rasch bücken, um sich nicht den Hals zu brechen. Sie
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stellte die Flasche hin, indem sie zu sich sagte: »Das ist ganz genug --
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ich hoffe, ich werde nicht weiter wachsen -- ich kann so schon nicht zur
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Thüre hinaus -- hätte ich nur nicht so viel getrunken!«
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[Illustration]
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O weh! es war zu spät, dies zu wünschen. Sie wuchs und wuchs, und mußte
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sehr bald auf den Fußboden niederknien; den nächsten Augenblick war
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selbst dazu nicht Platz genug, sie legte sich nun hin, mit einem
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Ellbogen gegen die Thür gestemmt und den andern Arm unter dem Kopfe.
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Immer noch wuchs sie, und als letzte Hülfsquelle streckte sie einen Arm
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zum Fenster hinaus und einen Fuß in den Kamin hinauf, und sprach zu sich
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selbst: »Nun kann ich nicht mehr thun, was auch geschehen mag. Was _wird_
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nur aus mir werden?«
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Zum Glück für Alice hatte das Zauberfläschchen nun seine volle Wirkung
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gehabt, und sie wuchs nicht weiter. Aber es war sehr unbequem, und da
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durchaus keine Aussicht war, daß sie je wieder aus dem Zimmer hinaus
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komme, so war sie natürlich sehr unglücklich.
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»Es war viel besser zu Hause,« dachte die arme Alice, »wo man nicht
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fortwährend größer und kleiner wurde, und sich nicht von Mäusen und
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Kaninchen commandiren zu lassen brauchte. Ich wünschte fast, ich wäre
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nicht in den Kaninchenbau hineingelaufen -- aber -- aber, es ist doch
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komisch, diese Art Leben! Ich möchte wohl wissen, _was_ eigentlich mit mir
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vorgegangen ist! Wenn ich Märchen gelesen habe, habe ich immer gedacht,
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so etwas käme nie vor, nun bin ich mitten drin in einem! Es sollte ein
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Buch von mir geschrieben werden, und wenn ich groß bin, will ich eins
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schreiben -- aber ich bin ja jetzt groß,« sprach sie betrübt weiter,
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»wenigstens _hier_ habe ich keinen Platz übrig, noch größer zu werden.«
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»Aber,« dachte Alice, »werde ich denn nie älter werden, als ich jetzt
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bin? das ist ein Trost -- nie eine alte Frau zu sein -- aber dann --
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immer Aufgaben zu lernen zu haben! Oh, _das_ möchte ich nicht gern!«
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»O, du einfältige Alice,« schalt sie sich selbst. »Wie kannst du hier
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Aufgaben lernen? Sieh doch, es ist kaum Platz genug für dich, viel
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weniger für irgend ein Schulbuch!«
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Und so redete sie fort; erst als eine Person, dann die andere, und hatte
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so eine lange Unterhaltung mit sich selbst; aber nach einigen Minuten
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hörte sie draußen eine Stimme und schwieg still, um zu horchen.
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»Marianne! Marianne!« sagte die Stimme, »hole mir gleich meine
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Handschuhe!« dann kam ein Trappeln von kleinen Füßen die Treppe herauf.
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Alice wußte, daß es das Kaninchen war, das sie suchte, und sie zitterte
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so sehr, daß sie das ganze Haus erschütterte; sie hatte ganz vergessen,
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daß sie jetzt wohl tausend Mal so groß wie das Kaninchen war und keine
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Ursache hatte, sich vor ihm zu fürchten.
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Jetzt kam das Kaninchen an die Thür und wollte sie aufmachen; da aber
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die Thür nach innen aufging und Alice's Ellbogen fest dagegen gestemmt
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war, so war es ein vergeblicher Versuch. Alice hörte, wie es zu sich
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selbst sprach: »dann werde ich herum gehen und zum Fenster
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hineinsteigen.«
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[Illustration]
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»Das wirst du nicht thun,« dachte Alice, und nachdem sie gewartet hatte,
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bis sie das Kaninchen dicht unter dem Fenster zu hören glaubte, streckte
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sie mit einem Male ihre Hand aus und griff in die Luft. Sie faßte zwar
|
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nichts, hörte aber einen schwachen Schrei und einen Fall, dann das
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Geklirr von zerbrochenem Glase, woraus sie schloß, daß es wahrscheinlich
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in ein Gurkenbeet gefallen sei, oder etwas dergleichen.
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Demnächst kam eine ärgerliche Stimme -- die des Kaninchens -- »Pat! Pat!
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wo bist du?« und dann eine Stimme, die sie noch nicht gehört hatte: »Wo
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soll ich sind? ich bin hier! grabe Aepfel aus, Euer Jnaden!«
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»Aepfel ausgraben? so!« sagte das Kaninchen ärgerlich. »Hier! komm und
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hilf mir heraus!« (Noch mehr Geklirr von Glasscherben.)
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»Nun sage mir, Pat, was ist das da oben im Fenster?«
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»Wat soll's sind? 's is en Arm, Euer Jnaden!« (Er sprach es »Arrum«
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aus.)
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»Ein Arm, du Esel! Wer hat je einen so großen Arm gesehen? er nimmt ja
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das ganze Fenster ein!«
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»Zu dienen, des thut er, Euer Jnaden; aber en Arm is es, und en Arm
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bleebt es.«
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»Jedenfalls hat er da nichts zu suchen: geh' und schaffe ihn fort!«
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Darauf folgte eine lange Pause, während welcher Alice sie nur einzelne
|
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Worte flüstern hörte, wie: »Zu dienen, des scheint mer nich, Euer
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Jnaden, jar nich, jar nich!« »Thu', was ich dir sage, feige Memme!«
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zuletzt streckte sie die Hand wieder aus und that einen Griff in die
|
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Luft. Diesmal hörte sie ein leises Wimmern und noch mehr Geklirr von
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Glasscherben. »Wie viel Gurkenbeete da sein müssen!« dachte Alice. »Mich
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soll doch wundern, was sie nun thun werden! Mich zum Fenster hinaus
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ziehen? ja, wenn sie das nur könnten! Ich bliebe wahrlich nicht gern
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länger hier!«
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Sie wartete eine Zeit lang, ohne etwas zu hören; endlich kam ein Rollen
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von kleinen Leiterwagen, und ein Lärm von einer Menge Stimmen, alle
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durcheinander; sie verstand die Worte: »Wo ist die andere Leiter? -- Ich
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sollte ja nur eine bringen; Wabbel hat die andere -- Wabbel, bringe sie
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her, Junge! -- Lehnt sie hier gegen diese Ecke -- Nein, sie müssen erst
|
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zusammengebunden werden -- sie reichen nicht halb hinauf -- Ach, was
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werden sie nicht reichen: seid nicht so umständlich -- Hier, Wabbel!
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fange den Strick -- Wird das Dach auch tragen? -- Nimm dich mit dem losen
|
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Schiefer in Acht -- oh, da fällt er! Köpfe weg!« (ein lautes Krachen) --
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|
»Wessen Schuld war das? -- Wabbel's, glaube ich -- Wer soll in den
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Schornstein steigen? -- Ich nicht, so viel weiß ich! Ihr aber doch,
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nicht wahr? -- Nicht ich, meiner Treu! -- Wabbel kann hineinsteigen --
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|
Hier, Wabbel! der Herr sagt, du sollst in den Schornstein steigen!«
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»So, also Wabbel soll durch den Schornstein hereinkommen, wirklich?«
|
|
sagte Alice zu sich selbst. »Sie scheinen mir Alles auf Wabbel zu
|
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schieben: ich möchte um Alles nicht an Wabbel's Stelle sein; der Kamin
|
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ist freilich eng, aber etwas werde ich doch wohl mit dem Fuße
|
|
ausschlagen können!«
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|
[Illustration]
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Sie zog ihren Fuß so weit herunter, wie sie konnte, und wartete, bis sie
|
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ein kleines Thier (sie konnte nicht rathen, was für eine Art es sei) in
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dem Schornstein kratzen und klettern hörte; als es dicht über ihr war,
|
|
sprach sie bei sich: »Dies ist Wabbel,« gab einen kräftigen Stoß in die
|
|
Höhe, und wartete dann der Dinge, die da kommen würden.
|
|
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|
Zuerst hörte sie einen allgemeinen Chor: »Da fliegt Wabbel!« dann die
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Stimme des Kaninchens allein: -- »Fangt ihn auf, ihr da bei der Hecke!«
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darauf Stillschweigen, dann wieder verworrene Stimmen: -- »Haltet ihm
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den Kopf -- etwas Branntwein -- Ersticke ihn doch nicht -- Wie geht's,
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alter Kerl? Was ist dir denn geschehen? erzähle uns Alles!«
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Zuletzt kam eine kleine schwache, quiekende Stimme (»das ist Wabbel,«
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|
dachte Alice): »Ich weiß es ja selbst nicht -- Keinen mehr, danke! Ich
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|
bin schon viel besser -- aber ich bin viel zu aufgeregt, um euch zu
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erzählen -- Ich weiß nur, da kommt ein Ding in die Höhe, wie'n
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Dosen-Stehauf, und auf fliege ich wie 'ne Rackete!«
|
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|
»Ja, das hast du gethan, alter Kerl!« sagten die Andern.
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»Wir müssen das Haus niederbrennen!« rief das Kaninchen; da schrie Alice
|
|
so laut sie konnte: »Wenn ihr das thut, werde ich Dinah über euch
|
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schicken!«
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|
Sogleich entstand tiefes Schweigen, und Alice dachte bei sich: »_Was_ sie
|
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wohl jetzt thun werden? Wenn sie Menschenverstand hätten, würden sie das
|
|
Dach abreißen.« Nach einer oder zwei Minuten fingen sie wieder an sich
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zu rühren, und Alice hörte das Kaninchen sagen: »Eine Karre voll ist vor
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der Hand genug.«
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»Eine Karre voll was?« dachte Alice; doch blieb sie nicht lange im
|
|
Zweifel, denn den nächsten Augenblick kam ein Schauer von kleinen
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Kieseln zum Fenster herein geflogen, von denen ein Paar sie gerade in's
|
|
Gesicht trafen. »Dem will ich ein Ende machen,« sagte sie bei sich und
|
|
schrie hinaus: »Das laßt mir gefälligst bleiben!« worauf wieder tiefe
|
|
Stille erfolgte.
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Alice bemerkte mit einigem Erstaunen, daß die Kiesel sich alle in kleine
|
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Kuchen verwandelten, als sie auf dem Boden lagen, und dies brachte sie
|
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auf einen glänzenden Gedanken. »Wenn ich einen von diesen Kuchen esse,«
|
|
dachte sie, »wird es gewiß meine Größe verändern; und da ich unmöglich
|
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noch mehr wachsen kann, so wird es mich wohl kleiner machen, vermuthe
|
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ich.«
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Sie schluckte demnach einen kleinen Kuchen herunter, und merkte zu ihrem
|
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Entzücken, daß sie sogleich abnahm. Sobald sie klein genug war, um durch
|
|
die Thür zu gehen, rannte sie zum Hause hinaus, und fand einen
|
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förmlichen Auflauf von kleinen Thieren und Vögeln davor. Die arme kleine
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|
Eidechse, Wabbel, war in der Mitte, von zwei Meerschweinchen
|
|
unterstützt, die ihm etwas aus einer Flasche gaben. Es war ein
|
|
allgemeiner Sturm auf Alice, sobald sie sich zeigte; sie lief aber so
|
|
schnell sie konnte davon, und kam sicher in ein dichtes Gebüsch.
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»Das Nöthigste, was ich nun zu thun habe,« sprach Alice bei sich, wie
|
|
sie in dem Wäldchen umher wanderte, »ist, meine richtige Größe zu
|
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erlangen; und das Zweite, den Weg zu dem wunderhübschen Garten zu
|
|
finden. Ja, das wird der beste Plan sein.«
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|
Es klang freilich wie ein vortrefflicher Plan, und recht nett und
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einfach ausgedacht; die einzige Schwierigkeit war, daß sie nicht den
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|
geringsten Begriff hatte, wie sie ihn ausführen sollte; und während sie
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|
so ängstlich zwischen den Bäumen umherguckte, hörte sie plötzlich ein
|
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scharfes feines Bellen gerade über ihrem Kopfe und sah eilig auf.
|
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Ein ungeheuer großer junger Hund sah mit seinen hervorstehenden runden
|
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Augen auf sie herab und machte einen schwachen Versuch, eine Pfote
|
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auszustrecken und sie zu berühren. »Armes kleines Ding!« sagte Alice in
|
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liebkosendem Tone, und sie gab sich alle Mühe, ihm zu pfeifen; dabei
|
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hatte sie aber große Angst, ob er auch nicht hungrig wäre, denn dann
|
|
würde er sie wahrscheinlich auffressen trotz allen Liebkosungen.
|
|
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|
[Illustration]
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Ohne recht zu wissen was sie that, nahm sie ein Stäbchen auf und hielt
|
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es ihm hin; worauf das ungeschickte Thierchen mit allen vier Füßen
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zugleich in die Höhe sprang, vor Entzücken laut aufbellte, auf das
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Stäbchen losrannte und that, als wolle es es zerreißen; da wich Alice
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ihm aus hinter eine große Distel, um nicht zertreten zu werden; und so
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wie sie auf der andern Seite hervorkam, lief der junge Hund wieder auf
|
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das Stäbchen los und fiel kopfüber in seiner Eile, es zu fangen. Alice,
|
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der es vorkam, als wenn Jemand mit einem Fuhrmannspferde Zeck spielt,
|
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und die jeden Augenblick fürchtete, unter seine Füße zu gerathen, lief
|
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wieder hinter die Distel; da machte der junge Hund eine Reihe von kurzen
|
|
Anläufen auf das Stäbchen, wobei er jedes Mal ein klein wenig vorwärts
|
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und ein gutes Stück zurück rannte und sich heiser bellte, bis er sich
|
|
zuletzt mit zum Munde heraushängender Zunge und halb geschlossenen
|
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Augen, ganz außer Athem hinsetzte.
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Dies schien Alice eine gute Gelegenheit zu sein, fortzukommen; sie
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machte sich also gleich davon, und rannte bis sie ganz müde war und
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keine Luft mehr hatte, und bis das Bellen nur noch ganz schwach in der
|
|
Ferne zu hören war.
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»Und doch war es ein lieber kleiner Hund!« sagte Alice, indem sie sich
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|
an eine Butterblume lehnte um auszuruhen, und sich mit einem der Blätter
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fächelte. »Ich hätte ihn gern Kunststücke gelehrt, wenn -- wenn ich nur
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|
groß genug dazu gewesen wäre! O ja! das hätte ich beinah vergessen, ich
|
|
muß ja machen, daß ich wieder wachse! Laß sehen -- wie fängt man es doch
|
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an? Ich dächte, ich sollte irgend etwas essen oder trinken; aber die
|
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Frage ist, was?«
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Das war in der That die Frage. Alice blickte um sich nach allen Blumen
|
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und Grashalmen; aber gar nichts sah aus, als ob es das Rechte sei, das
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sie unter den Umständen essen oder trinken müsse. In der Nähe wuchs ein
|
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großer Pilz, ungefähr so hoch wie sie; nachdem sie ihn sich von unten,
|
|
von beiden Seiten, rückwärts und vorwärts betrachtet hatte, kam es ihr
|
|
in den Sinn zu sehen, was oben darauf sei. Sie stellte sich also auf die
|
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Fußspitzen und guckte über den Rand des Pilzes, und sogleich begegnete
|
|
ihr Blick dem einer großen blauen Raupe, die mit kreuzweise gelegten
|
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Armen da saß und ruhig aus einer großen Huhka rauchte, ohne die
|
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geringste Notiz von ihr noch sonst irgend Etwas zu nehmen.
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[Illustration]
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Fünftes Kapitel.
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Guter Rath von einer Raupe.
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Die Raupe und Alice sahen sich eine Zeit lang schweigend an; endlich
|
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nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde und redete sie mit schmachtender,
|
|
langsamer Stimme an. »Wer bist du?« fragte die Raupe.
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Das war kein sehr ermuthigender Anfang einer Unterhaltung. Alice
|
|
antwortete, etwas befangen: »Ich -- ich weiß nicht recht, diesen
|
|
Augenblick -- vielmehr ich weiß, wer ich heut früh war, als ich
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|
aufstand; aber ich glaube, ich muß seitdem ein paar Mal verwechselt
|
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worden sein.«
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»Was meinst du damit?« sagte die Raupe strenge. »Erkläre dich
|
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deutlicher!«
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»Ich kann mich nicht deutlicher erklären, fürchte ich, Raupe,« sagte
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Alice, »weil ich nicht ich bin, sehen Sie wohl?«
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»Ich sehe nicht wohl,« sagte die Raupe.
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»Ich kann es wirklich nicht besser ausdrücken,« erwiederte Alice sehr
|
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höflich, »denn ich kann es selbst nicht begreifen; und wenn man an einem
|
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Tage so oft klein und groß wird, wird man ganz verwirrt.«
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»Nein, das wird man nicht,« sagte die Raupe.
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»Vielleicht haben Sie es noch nicht versucht,« sagte Alice, »aber wenn
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Sie sich in eine Puppe verwandeln werden, das müssen Sie über kurz oder
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lang wie Sie wissen -- und dann in einen Schmetterling, das wird sich
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doch komisch anfühlen, nicht wahr?«
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»Durchaus nicht,« sagte die Raupe.
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»Sie fühlen wahrscheinlich anders darin,« sagte Alice; »so viel weiß
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ich, daß es mir sehr komisch sein würde.«
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»Dir!« sagte die Raupe verächtlich. »Wer bist _du_ denn?«
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|
Was sie wieder auf den Anfang der Unterhaltung zurückbrachte. Alice war
|
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etwas ärgerlich, daß die Raupe so sehr kurz angebunden war; sie warf den
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Kopf in die Höhe und sprach sehr ernst: »Ich dächte, Sie sollten mir
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erst sagen, wer _Sie_ sind?«
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»Weshalb?« fragte die Raupe.
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Das war wieder eine schwierige Frage; und da sich Alice auf keinen guten
|
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Grund besinnen konnte und die Raupe _sehr_ schlechter Laune zu sein
|
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schien, so ging sie ihrer Wege.
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»Komm zurück!« rief ihr die Raupe nach, »ich habe dir etwas Wichtiges zu
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sagen!«
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Das klang sehr einladend; Alice kehrte wieder um und kam zu ihr zurück.
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|
»Sei nicht empfindlich,« sagte die Raupe.
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»Ist das Alles?« fragte Alice, ihren Aerger so gut sie konnte
|
|
verbergend.
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|
»Nein,« sagte die Raupe.
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|
Alice dachte, sie wollte doch warten, da sie sonst nichts zu thun habe,
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|
und vielleicht würde sie ihr etwas sagen, das der Mühe werth sei. Einige
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|
Minuten lang rauchte die Raupe fort ohne zu reden; aber zuletzt nahm sie
|
|
die Huhka wieder aus dem Munde und sprach: »Du glaubst also, du bist
|
|
verwandelt?«
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|
|
»Ich fürchte es fast, Raupe,« sagte Alice, »ich kann Sachen nicht
|
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behalten wie sonst, und ich werde alle zehn Minuten größer oder
|
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kleiner!«
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|
|
»Kannst _welche_ Sachen nicht behalten?« fragte die Raupe.
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|
|
»Ach, ich habe versucht zu sagen: Bei einem Wirthe &c.; aber es kam ganz
|
|
anders!« antwortete Alice in niedergeschlagenem Tone.
|
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|
|
»Sage her: Ihr seid alt, Vater Martin,« sagte die Raupe.
|
|
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|
Alice faltete die Hände und fing an: --
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[Illustration]
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|
»Ihr seid alt, Vater Martin,« so sprach Junker Tropf,
|
|
»Euer Haar ist schon lange ganz weiß;
|
|
Doch steht ihr so gerne noch auf dem Kopf.
|
|
Macht Euch denn das nicht zu heiß?«
|
|
|
|
»Als ich jung war,« der Vater zur Antwort gab,
|
|
»Da glaubt' ich, für's Hirn sei's nicht gut;
|
|
Doch seit ich entdeckt, daß ich gar keines hab'
|
|
So thu' ich's mit fröhlichem Muth.«
|
|
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|
[Illustration]
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|
»Ihr seid alt,« sprach der Sohn, »wie vorhin schon gesagt,
|
|
Und geworden ein gar dicker Mann;
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|
Drum sprecht, wie ihr rücklings den Purzelbaum schlagt.
|
|
Potz tausend! wie fangt ihr's nur an?«
|
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|
|
»Als ich jung war,« der Alte mit Kopfschütteln sagt',
|
|
»Da rieb ich die Glieder mir ein
|
|
Mit der Salbe hier, die sie geschmeidig macht.
|
|
Für zwei Groschen Courant ist sie dein.«
|
|
|
|
[Illustration]
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|
»Ihr seid alt,« sprach der Bub', »und könnt nicht recht kau'n,
|
|
Und solltet euch nehmen in Acht;
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|
Doch aßt ihr die Ganz mit Schnabel und Klau'n;
|
|
Wie habt ihr das nur gemacht?«
|
|
|
|
»Ich war früher Jurist und hab' viel disputirt,
|
|
Besonders mit meiner Frau;
|
|
Das hat so mir die Kinnbacken einexercirt,
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|
Daß ich jetzt noch mit Leichtigkeit kau!«
|
|
|
|
[Illustration]
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|
»Ihr seid alt,« sagte der Sohn, »und habt nicht viel Witz,
|
|
Und doch seid ihr so geschickt;
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|
Balancirt einen Aal auf der Nasenspitz'!
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|
Wie ist euch das nur geglückt?«
|
|
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|
»Drei Antworten hast du, und damit genug,
|
|
Nun laß mich kein Wort mehr hören;
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Du Guck in die Welt thust so überklug,
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|
Ich werde dich Mores lehren!«
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|
»Das ist nicht richtig,« sagte die Raupe.
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»Nicht ganz richtig, glaube ich,« sagte Alice schüchtern; »manche Wörter
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sind anders gekommen.«
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»Es ist von Anfang bis zu Ende falsch,« sagte die Raupe mit
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Entschiedenheit, worauf eine Pause von einigen Minuten eintrat.
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Die Raupe sprach zuerst wieder.
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»Wie groß möchtest du gern sein?« fragte sie.
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»Oh, es kommt nicht so genau darauf an,« erwiederte Alice schnell; »nur
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das viele Wechseln ist nicht angenehm, nicht wahr?«
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»Nein, es ist nicht wahr!« sagte die Raupe.
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Alice antwortete nichts; es war ihr im Leben nicht so viel widersprochen
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worden, und sie fühlte, daß sie wieder anfing, empfindlich zu werden.
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»Bist du jetzt zufrieden?« sagte die Raupe.
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»Etwas größer, Frau Raupe, wäre ich gern, wenn ich bitten darf,« sagte
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|
Alice; »drei und einen halben Zoll ist gar zu winzig.«
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»Es ist eine sehr angenehme Größe, finde ich,« sagte die Raupe zornig
|
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und richtete sich dabei in die Höhe (sie war gerade drei Zoll hoch).
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»Aber ich bin nicht daran gewöhnt!« vertheidigte sich die arme Alice in
|
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weinerlichem Tone. Bei sich dachte sie: »Ich wünschte, alle diese
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Geschöpfe nähmen nicht Alles gleich übel.«
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»Dur wirst es mit der Zeit gewohnt werden,« sagte die Raupe, steckte
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ihre Huhka in den Mund und fing wieder an zu rauchen.
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Diesmal wartete Alice geduldig, bis es ihr gefällig wäre zu reden. Nach
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zwei oder drei Minuten nahm die Raupe die Huhka aus dem Munde, gähnte
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ein bis zwei Mal und schüttelte sich. Dann kam sie von dem Pilze
|
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herunter, kroch in's Gras hinein und bemerkte blos bei'm Weggehen: »Die
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eine Seite macht dich größer, die andere Seite macht dich kleiner.«
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|
»Eine Seite wovon? die andere Seite wovon?« dachte Alice bei sich.
|
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»Von dem Pilz,« sagte die Raupe, gerade als wenn sie laut gefragt hätte;
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|
und den nächsten Augenblick war sie nicht mehr zu sehen.
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|
Alice blieb ein Weilchen gedankenvoll vor dem Pilze stehen, um ausfindig
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zu machen, welches seine beiden Seiten seien; und da er vollkommen rund
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war, so fand sie die Frage schwierig zu beantworten. Zuletzt aber
|
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reichte sie mit beiden Armen, so weit sie herum konnte, und brach mit
|
|
jeder Hand etwas vom Rande ab.
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»Nun aber, welches ist das rechte?« sprach sie zu sich, und biß ein
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wenig von dem Stück in ihrer rechten Hand ab, um die Wirkung
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auszuprobiren; den nächsten Augenblick fühlte sie einen heftigen Schmerz
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am Kinn, es hatte an ihren Fuß angestoßen!
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Ueber diese plötzliche Verwandlung war sie sehr erschrocken, aber da war
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keine Zeit zu verlieren, da sie sehr schnell kleiner wurde; sie machte
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sich also gleich daran, etwas von dem andern Stück zu essen. Ihr Kinn
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war so dicht an ihren Fuß gedrückt, daß ihr kaum Platz genug blieb, den
|
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Mund aufzumachen; endlich aber gelang es ihr, ein wenig von dem Stück in
|
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ihrer linken Hand herunter zu schlucken.
|
|
|
|
* * * * *
|
|
|
|
»Ah! endlich ist mein Kopf frei!« rief Alice mit Entzücken, das sich
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jedoch den nächsten Augenblick in Angst verwandelte, da sie merkte, daß
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ihre Schultern nirgends zu finden waren: als sie hinunter sah, konnte
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sie weiter nichts erblicken, als einen ungeheuer langen Hals, der sich
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wie eine Stange aus einem Meer von grünen Blättern erhob, das unter ihr
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lag.
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»Was mag all das grüne Zeug sein?« sagte Alice. »Und wo sind meine
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Schultern nur hingekommen? Und ach, meine armen Hände, wie geht es zu,
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daß ich euch nicht sehen kann?« Sie griff bei diesen Worten um sich,
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aber es erfolgte weiter nichts, als eine kleine Bewegung in den
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entfernten grünen Blättern.
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Da es ihr nicht gelang, die Hände zu ihrem Kopfe zu erheben, so
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versuchte sie, den Kopf zu ihnen hinunter zu bücken, und fand zu ihrem
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Entzücken, daß sie ihren Hals in allen Richtungen biegen und wenden
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konnte, wie eine Schlange. Sie hatte ihn gerade in ein malerisches
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Zickzack gewunden und wollte eben in das Blättermeer hinunter tauchen,
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das, wie sie sah, durch die Gipfel der Bäume gebildet wurde, unter denen
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sie noch eben herumgewandert war, als ein lautes Rauschen sie plötzlich
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zurückschreckte: eine große Taube kam ihr in's Gesicht geflogen und
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schlug sie heftig mit den Flügeln.
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»Schlange!« kreischte die Taube.
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»Ich bin _keine_ Schlange!« sagte Alice mit Entrüstung. »Laß mich in
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Ruhe!«
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»Schlange sage ich!« wiederholte die Taube, aber mit gedämpfter Stimme,
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und fuhr schluchzend fort: »Alles habe ich versucht, und nichts ist
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ihnen genehm!«
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»Ich weiß gar nicht, wovon du redest,« sagte Alice.
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»Baumwurzeln habe ich versucht, Flußufer habe ich versucht, Hecken habe
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ich versucht,« sprach die Taube weiter, ohne auf sie zu achten; »aber
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diese Schlangen! Nichts ist ihnen recht!«
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Alice verstand immer weniger; aber sie dachte, es sei unnütz etwas zu
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sagen, bis die Taube fertig wäre.
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»Als ob es nicht Mühe genug wäre, die Eier auszubrüten,« sagte die
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Taube, »da muß ich noch Tag und Nacht den Schlangen aufpassen! Kein Auge
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habe ich die letzten drei Wochen zugethan!«
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»Es thut mir sehr leid, daß du so viel Verdruß gehabt hast,« sagte
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Alice, die zu verstehen anfing, was sie meinte.
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»Und gerade da ich mir den höchsten Baum im Walde ausgesucht habe,« fuhr
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die Taube mit erhobener Stimme fort, »und gerade da ich dachte, ich wäre
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sie endlich los, müssen sie sich sogar noch vom Himmel herunterwinden!
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Pfui! Schlange!«
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»Aber ich bin _keine_ Schlange, sage ich dir!« rief Alice, »ich bin ein --
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ich bin ein --«
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»Nun, was bist du denn?« fragte die Taube. »Ich merke wohl, daß du dir
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etwas ausdenken willst!«
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»Ich -- ich bin ein kleines Mädchen,« sagte Alice etwas unsicher, da sie
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an die vielfachen Verwandlungen dachte, die sie den Tag über schon
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durchgemacht hatte.
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»Eine schöne Ausrede, wahrhaftig!« sagte die Taube im Tone tiefster
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Verachtung. »Ich habe mein Lebtag genug kleine Mädchen gesehen, aber nie
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eine mit solch einem Hals! Nein, nein! du bist eine Schlange! das kannst
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du nicht abläugnen. Du wirst am Ende noch behaupten, daß du nie ein Ei
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gegessen hast.«
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»Ich _habe_ Eier gegessen, freilich,« sagte Alice, die ein sehr
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wahrheitsliebendes Kind war; »aber kleine Mädchen essen Eier eben so gut
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wie Schlangen.«
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»Das glaube ich nicht,« sagte die Taube; »wenn sie es aber thun, nun
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dann sind sie eine Art Schlangen, so viel weiß ich.«
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Das war etwas so Neues für Alice, daß sie ein Paar Minuten ganz still
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schwieg; die Taube benutzte die Gelegenheit und fuhr fort: »Du suchst
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Eier, das weiß ich nur zu gut, und was kümmert es mich, ob du ein
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kleines Mädchen oder eine Schlange bist?«
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»Aber _mich_ kümmert es sehr,« sagte Alice schnell; »übrigens suche ich
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zufällig nicht Eier, und wenn ich es thäte, so würde ich deine nicht
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brauchen können; ich esse sie nicht gern roh.«
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»Dann mach', daß du fortkommst!« sagte die Taube verdrießlich, indem sie
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sich in ihrem Nest wieder zurecht setzte. Alice duckte sich unter die
|
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Bäume so gut sie konnte; denn ihr Hals verwickelte sich fortwährend in
|
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die Zweige, und mehre Male mußte sie anhalten und ihn losmachen. Nach
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einer Weile fiel es ihr wieder ein, daß sie noch die Stückchen Pilz in
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den Händen hatte, und sie machte sich sorgfältig daran, knabberte bald
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an dem einen, bald an dem andern, und wurde abwechselnd größer und
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kleiner, bis es ihr zuletzt gelang, ihre gewöhnliche Größe zu bekommen.
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Es war so lange her, daß sie auch nur ungefähr ihre richtige Höhe gehabt
|
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hatte, daß es ihr erst ganz komisch vorkam; aber nach einigen Minuten
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hatte sie sich daran gewöhnt und sprach mit sich selbst wie gewöhnlich.
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»Schön, nun ist mein Plan halb ausgeführt! Wie verwirrt man von dem
|
|
vielen Wechseln wird! Ich weiß nie, wie ich den nächsten Augenblick
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sein werde! Doch jetzt habe ich meine richtige Größe: nun kommt es
|
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darauf an, in den schönen Garten zu gelangen -- wie _kann_ ich das
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anstellen? das möchte ich wissen!« Wie sie dies sagte, kam sie in eine
|
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Lichtung mit einem Häuschen in der Mitte, ungefähr vier Fuß hoch. »Wer
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|
auch darin wohnen mag, es geht nicht an, daß ich so groß wie ich jetzt
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bin hineingehe: sie würden vor Angst nicht wissen wohin!« Also knabberte
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sie wieder an dem Stückchen in der rechten Hand, und wagte sich nicht an
|
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das Häuschen heran, bis sie sich auf neun Zoll herunter gebracht hatte.
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|
Sechstes Kapitel.
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Ferkel und Pfeffer.
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Noch ein bis zwei Augenblicke stand sie und sah das Häuschen an, ohne
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recht zu wissen was sie nun thun solle, als plötzlich ein Lackei in
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Livree vom Walde her gelaufen kam -- (sie hielt ihn für einen Lackeien,
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weil er Livree trug, sonst, nach seinem Gesichte zu urtheilen, würde sie
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ihn für einen Fisch angesehen haben) -- und mit den Knöcheln laut an die
|
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Thür klopfte. Sie wurde von einem andern Lackeien in Livree geöffnet,
|
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der ein rundes Gesicht und große Augen wie ein Frosch hatte, und beide
|
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Lackeien hatten, wie Alice bemerkte, gepuderte Lockenperücken über den
|
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ganzen Kopf. Sie war sehr neugierig, was nun geschehen würde, und
|
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schlich sich etwas näher, um zuzuhören.
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[Illustration]
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Der Fisch-Lackei fing damit an, einen ungeheuren Brief, beinah so groß
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wie er selbst, unter dem Arme hervorzuziehen; diesen überreichte er dem
|
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anderen, in feierlichem Tone sprechend: »Für die Herzogin. Eine
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|
Einladung von der Königin, Croquet zu spielen.« Der Frosch-Lackei
|
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erwiederte in demselben feierlichen Tone, indem er nur die
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|
Aufeinanderfolge der Wörter etwas veränderte: »Von der Königin. Eine
|
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Einladung für die Herzogin, Croquet zu spielen.«
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Dann verbeugten sich Beide tief, und ihre Locken verwickelten sich in
|
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einander.
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Darüber lachte Alice so laut, daß sie in das Gebüsch zurücklaufen mußte,
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aus Furcht, sie möchten sie hören, und als sie wieder herausguckte, war
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|
der Fisch-Lackei fort, und der andere saß auf dem Boden bei der Thür und
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sah dumm in den Himmel hinauf.
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Alice ging furchtsam auf die Thür zu und klopfte.
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»Es ist durchaus unnütz, zu klopfen,« sagte der Lackei, »und das wegen
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zweier Gründe. Erstens weil ich an derselben Seite von der Thür bin wie
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du, zweitens, weil sie drinnen einen solchen Lärm machen, daß man dich
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unmöglich hören kann.« Und wirklich war ein ganz merkwürdiger Lärm
|
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drinnen, ein fortwährendes Heulen und Niesen, und von Zeit zu Zeit ein
|
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lautes Krachen, als ob eine Schüssel oder ein Kessel zerbrochen wäre.
|
|
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»Bitte,« sagte Alice, »wie soll ich denn hineinkommen?«
|
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»Es wäre etwas Sinn und Verstand darin, anzuklopfen,« fuhr der Lackei
|
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fort, ohne auf sie zu hören, »wenn wir die Thür zwischen uns hätten. Zum
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Beispiel, wenn du drinnen wärest, könntest du klopfen, und ich könnte
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dich herauslassen, nicht wahr?« Er sah die ganze Zeit über, während er
|
|
sprach, in den Himmel hinauf, was Alice entschieden sehr unhöflich fand.
|
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»Aber vielleicht kann er nicht dafür,« sagte sie bei sich; »seine Augen
|
|
sind so hoch oben auf seiner Stirn. Aber jedenfalls könnte er mir
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antworten. -- Wie soll ich denn hineinkommen?« wiederholte sie laut.
|
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»Ich werde hier sitzen,« sagte der Lackei, »bis morgen --«
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In diesem Augenblicke ging die Thür auf, und ein großer Teller kam
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heraus geflogen, gerade auf den Kopf des Lackeien los; er strich aber
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über seine Nase hin und brach an einem der dahinterstehenden Bäume in
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Stücke.
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»-- oder übermorgen, vielleicht,« sprach der Lackei in demselben Tone
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fort, als ob nichts vorgefallen wäre.
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»Wie soll ich denn hineinkommen?« fragte Alice wieder, lauter als
|
|
vorher.
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»Sollst du überhaupt hineinkommen?« sagte der Lackei. »Das ist die erste
|
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Frage, nicht wahr?«
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Das war es allerdings; nur ließ sich Alice das nicht gern sagen. »Es ist
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wirklich schrecklich,« murmelte sie vor sich hin, »wie naseweis alle
|
|
diese Geschöpfe sind. Es könnte Einen ganz verdreht machen!«
|
|
|
|
Der Lackei schien dies für eine gute Gelegenheit anzusehen, seine
|
|
Bemerkung zu wiederholen, und zwar mit Variationen. »Ich werde hier
|
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sitzen,« sagte er, »ab und an, Tage und Tage lang.«
|
|
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|
»Was soll _ich_ aber thun?« fragte Alice.
|
|
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»Was dir gefällig ist,« sagte der Lackei, und fing an zu pfeifen.
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»Es hilft zu nichts, mit ihm zu reden,« sagte Alice außer sich, »er ist
|
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vollkommen blödsinnig!« Sie klinkte die Thür auf und ging hinein.
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|
Die Thür führte geradewegs in eine große Küche, welche von einem Ende
|
|
bis zum andern voller Rauch war; in der Mitte saß auf einem dreibeinigen
|
|
Schemel die Herzogin, mit einem Wickelkinde auf dem Schoße; die Köchin
|
|
stand über das Feuer gebückt und rührte in einer großen Kasserole, die
|
|
voll Suppe zu sein schien.
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|
|
|
»In der Suppe ist gewiß zu viel Pfeffer!« sprach Alice für sich, so gut
|
|
sie vor Niesen konnte.
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Es war wenigstens zu viel in der Luft. Sogar die Herzogin nieste hin und
|
|
wieder; was das Wickelkind anbelangt, so nieste und schrie es
|
|
abwechselnd ohne die geringste Unterbrechung. Die beiden einzigen Wesen
|
|
in der Küche, die nicht niesten, waren die Köchin und eine große Katze,
|
|
die vor dem Herde saß und grinste, sodaß die Mundwinkel bis an die Ohren
|
|
reichten.
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[Illustration]
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|
»Wollen Sie mir gütigst sagen,« fragte Alice etwas furchtsam, denn sie
|
|
wußte nicht recht, ob es sich für sie schicke zuerst zu sprechen, »warum
|
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Ihre Katze so grinst?«
|
|
|
|
»Es ist eine Grinse-Katze,« sagte die Herzogin, »darum! Ferkel!«
|
|
|
|
Das letzte Wort sagte sie mit solcher Heftigkeit, daß Alice auffuhr;
|
|
aber den nächsten Augenblick sah sie, daß es dem Wickelkinde galt, nicht
|
|
ihr; sie faßte also Muth und redete weiter: --
|
|
|
|
»Ich wußte nicht, daß Katzen manchmal grinsen; ja ich wußte nicht, daß
|
|
Katzen überhaupt grinsen _können_.«
|
|
|
|
»Sie können es alle,« sagte die Herzogin, »und die meisten thun es.«
|
|
|
|
»Ich kenne keine, die es thut,« sagte Alice sehr höflich, da sie ganz
|
|
froh war, eine Unterhaltung angeknüpft haben.
|
|
|
|
»Du kennst noch nicht viel,« sagte die Herzogin, »und das ist die
|
|
Wahrheit.«
|
|
|
|
Alice gefiel diese Bemerkung gar nicht, und sie dachte daran, welchen
|
|
andern Gegenstand der Unterhaltung sie einführen könnte. Während sie
|
|
sich auf etwas Passendes besann, nahm die Köchin die Kasserole mit Suppe
|
|
vom Feuer und fing sogleich an, Alles was sie erreichen konnte nach der
|
|
Herzogin und dem Kinde zu werfen -- die Feuerzange kam zuerst, dann
|
|
folgte ein Hagel von Pfannen, Tellern und Schüsseln. Die Herzogin
|
|
beachtete sie gar nicht, auch wenn sie sie trafen; und das Kind heulte
|
|
schon so laut, daß es unmöglich war zu wissen, ob die Stöße ihm weh
|
|
thaten oder nicht.
|
|
|
|
»Oh, bitte, nehmen Sie sich in Acht, was Sie thun!« rief Alice, die in
|
|
wahrer Herzensangst hin und her sprang. »Oh, seine liebe kleine Nase!«
|
|
als eine besonders große Pfanne dicht daran vorbeifuhr und sie beinah
|
|
abstieß.
|
|
|
|
»Wenn Jeder nur vor seiner Thür fegen wollte,« brummte die Herzogin mit
|
|
heiserer Stimme, »würde die Welt sich bedeutend schneller drehen, als
|
|
jetzt.«
|
|
|
|
»Was kein Vortheil wäre,« sprach Alice, die sich über die Gelegenheit
|
|
freute, ihre Kenntnisse zu zeigen. »Denken Sie nur, wie es Tag und Nacht
|
|
in Unordnung bringen würde! Die Erde braucht doch jetzt vier und zwanzig
|
|
Stunden, sich um ihre Achse zu drehen --«
|
|
|
|
»Was, du redest von Axt?« sagte die Herzogin, »Hau' ihr den Kopf ab!«
|
|
|
|
Alice sah sich sehr erschrocken nach der Köchin um, ob sie den Wink
|
|
verstehen würde; aber die Köchin rührte die Suppe unverwandt und schien
|
|
nicht zuzuhören, daher fuhr sie fort: »Vier und zwanzig Stunden, glaube
|
|
ich; oder sind es zwölf? Ich --«
|
|
|
|
»Ach, laß mich in Frieden,« sagte die Herzogin, »ich habe Zahlen nie
|
|
ausstehen können!« Und damit fing sie an, ihr Kind zu warten und eine
|
|
Art Wiegenlied dazu zu singen, wovon jede Reihe mit einem derben Puffe
|
|
für das Kind endigte: --
|
|
|
|
»Schilt deinen kleinen Jungen aus,
|
|
Und schlag' ihn, wenn er niest;
|
|
Er macht es gar so bunt und kraus,
|
|
Nur weil es uns verdrießt.«
|
|
|
|
_Chor_
|
|
|
|
(in welchen die Köchin und das Wickelkind einfielen).
|
|
|
|
»Wau! wau! wau!«
|
|
|
|
Während die Herzogin den zweiten Vers des Liedes sang, schaukelte sie
|
|
das Kind so heftig auf und nieder, und das arme kleine Ding schrie so,
|
|
daß Alice kaum die Worte verstehen konnte: --
|
|
|
|
»Ich schelte meinen kleinen Wicht,
|
|
Und schlag' ihn, wenn er niest;
|
|
Ich weiß, wie gern er Pfeffer riecht,
|
|
Wenn's ihm gefällig ist.«
|
|
|
|
_Chor._
|
|
|
|
»Wau! wau! wau!«
|
|
|
|
»Hier! du kannst ihn ein Weilchen warten, wenn du willst!« sagte die
|
|
Herzogin zu Alice, indem sie ihr das Kind zuwarf. »Ich muß mich zurecht
|
|
machen, um mit der Königin Croquet zu spielen,« damit rannte sie aus dem
|
|
Zimmer. Die Köchin warf ihr eine Bratpfanne nach; aber sie verfehlte sie
|
|
noch eben.
|
|
|
|
Alice hatte das Kind mit Mühe und Noth aufgefangen, da es ein kleines
|
|
unförmliches Wesen war, das seine Arme und Beinchen nach allen Seiten
|
|
ausstreckte, »gerade wie ein Seestern,« dachte Alice. Das arme kleine
|
|
Ding stöhnte wie eine Locomotive, als sie es fing, und zog sich zusammen
|
|
und streckte sich wieder aus, so daß sie es die ersten Paar Minuten nur
|
|
eben halten konnte.
|
|
|
|
Sobald sie aber die rechte Art entdeckt hatte, wie man es tragen mußte
|
|
(die darin bestand, es zu einer Art Knoten zu drehen, und es dann fest
|
|
beim rechten Ohr und linken Fuß zu fassen, damit es sich nicht wieder
|
|
aufwickeln konnte), brachte sie es in's Freie. »Wenn ich dies Kind nicht
|
|
mit mir nehme,« dachte Alice, »so werden sie es in wenigen Tagen
|
|
umgebracht haben; wäre es nicht Mord, es da zu lassen?« Sie sprach die
|
|
letzten Worte laut, und das kleine Geschöpf grunzte zur Antwort (es
|
|
hatte mittlerweile aufgehört zu niesen). »Grunze nicht,« sagte Alice;
|
|
»es paßt sich gar nicht für dich, dich so auszudrücken.«
|
|
|
|
Der Junge grunzte wieder, so daß Alice ihm ganz ängstlich in's Gesicht
|
|
sah, was ihm eigentlich fehle. Er hatte ohne Zweifel eine _sehr_
|
|
hervorstehende Nase, eher eine Schnauze als eine wirkliche Nase; auch
|
|
seine Augen wurden entsetzlich klein für einen kleinen Jungen: Alles
|
|
zusammen genommen, gefiel Alice das Aussehen des Kindes gar nicht. »Aber
|
|
vielleicht hat es nur geweint,« dachte sie und sah ihm wieder in die
|
|
Augen, ob Thränen da seien.
|
|
|
|
Nein, es waren keine Thränen da. »Wenn du ein kleines Ferkel wirst, höre
|
|
mal,« sagte Alice sehr ernst, »so will ich nichts mehr mit dir zu
|
|
schaffen haben, das merke dir!« Das arme kleine Ding schluchzte (oder
|
|
grunzte, es war unmöglich, es zu unterscheiden), und dann gingen sie
|
|
eine Weile stillschweigend weiter.
|
|
|
|
Alice fing eben an, sich zu überlegen: »Nun, was soll ich mit diesem
|
|
Geschöpf anfangen, wenn ich es mit nach Hause bringe?« als es wieder
|
|
grunzte, so laut, daß Alice erschrocken nach ihm hinsah. Diesmal konnte
|
|
sie sich nicht mehr irren: es war nichts mehr oder weniger als ein
|
|
Ferkel, und sie sah, daß es höchst lächerlich für sie wäre, es noch
|
|
weiter zu tragen.
|
|
|
|
Sie setzte also das kleine Ding hin und war ganz froh, als sie es ruhig
|
|
in den Wald traben sah. »Das wäre in einigen Jahren ein furchtbar
|
|
häßliches Kind geworden; aber als Ferkel macht es sich recht nett, finde
|
|
ich.« Und so dachte sie alle Kinder durch, die sie kannte, die gute
|
|
kleine Ferkel abgeben würden, und sagte gerade für sich: »wenn man nur
|
|
die rechten Mittel wüßte, sie zu verwandeln --« als sie einen Schreck
|
|
bekam; die Grinse-Katze saß nämlich wenige Fuß von ihr auf einem
|
|
Baumzweige.
|
|
|
|
[Illustration]
|
|
|
|
Die Katze grinste nur, als sie Alice sah. »Sie sieht gutmüthig aus,«
|
|
dachte diese; aber doch hatte sie _sehr_ lange Krallen und eine Menge
|
|
Zähne. Alice fühlte wohl, daß sie sie rücksichtsvoll behandeln müsse.
|
|
|
|
»Grinse-Mies,« fing sie etwas ängstlich an, da sie nicht wußte, ob ihr
|
|
der Name gefallen würde: jedoch grinste sie noch etwas breiter. »Schön,
|
|
so weit gefällt es ihr,« dachte Alice und sprach weiter: »willst du mir
|
|
wohl sagen, wenn ich bitten darf, welchen Weg ich hier nehmen muß?«
|
|
|
|
»Das hängt zum guten Theil davon ab, wohin du gehen willst,« sagte die
|
|
Katze.
|
|
|
|
»Es kommt mir nicht darauf an, wohin --« sagte Alice.
|
|
|
|
»Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst,« sagte die
|
|
Katze.
|
|
|
|
»-- wenn ich nur _irgendwo_ hinkomme,« fügte Alice als Erklärung hinzu.
|
|
|
|
»O, das wirst du ganz gewiß,« sagte die Katze, »wenn du nur lange genug
|
|
gehest.«
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|
|
|
Alice sah, daß sie nichts dagegen einwenden konnte; sie versuchte daher
|
|
eine andere Frage. »Was für Art Leute wohnen hier in der Nähe?«
|
|
|
|
»In _der_ Richtung,« sagte die Katze, die rechte Pfote schwenkend, »wohnt
|
|
ein Hutmacher, und in jener Richtung,« die andere Pfote schwenkend,
|
|
»wohnt ein Faselhase. Besuche welchen du willst: sie sind beide toll.«
|
|
|
|
»Aber ich mag nicht zu tollen Leuten gehen,« bemerkte Alice.
|
|
|
|
[Illustration]
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|
»Oh, das kannst du nicht ändern,« sagte die Katze: »wir sind alle toll
|
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hier. Ich bin toll. Du bist toll.«
|
|
|
|
»Woher weißt du, daß ich toll bin?« fragte Alice.
|
|
|
|
»Du mußt es sein,« sagte die Katze, »sonst wärest du nicht hergekommen.«
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|
Alice fand durchaus nicht, daß das ein Beweis sei; sie fragte jedoch
|
|
weiter: »Und woher weißt du, daß du toll bist?«
|
|
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|
»Zu allererst,« sagte die Katze, »ein Hund ist nicht toll. Das giebst du
|
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zu?«
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|
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»Zugestanden!« sagte Alice.
|
|
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|
»Nun, gut,« fuhr die Katze fort, »nicht wahr ein Hund knurrt, wenn er
|
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böse ist, und wedelt mit dem Schwanze, wenn er sich freut. Ich hingegen
|
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knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem Schwanze, wenn ich
|
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ärgerlich bin. Daher bin ich toll.«
|
|
|
|
»Ich nenne es spinnen, nicht knurren,« sagte Alice.
|
|
|
|
»Nenne es, wie du willst,« sagte die Katze. »Spielst du heut Croquet mit
|
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der Königin?«
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»Ich möchte es sehr gern,« sagte Alice, »aber ich bin noch nicht
|
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eingeladen worden.«
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»Du wirst mich dort sehen,« sagte die Katze und verschwand.
|
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|
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Alice wunderte sich nicht sehr darüber; sie war so daran gewöhnt, daß
|
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sonderbare Dinge geschahen. Während sie noch nach der Stelle hinsah, wo
|
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die Katze gesessen hatte, erschien sie plötzlich wieder.
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|
»Uebrigens, was ist aus dem Jungen geworden?« sagte die Katze. »Ich
|
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hätte beinah vergessen zu fragen.«
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|
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|
[Illustration]
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»Er ist ein Ferkel geworden,« antwortete Alice sehr ruhig, gerade wie
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|
wenn die Katze auf gewöhnliche Weise zurückgekommen wäre.
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»Das dachte ich wohl,« sagte die Katze und verschwand wieder.
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Alice wartete noch etwas, halb und halb erwartend, sie wieder erscheinen
|
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zu sehen; aber sie kam nicht, und ein Paar Minuten nachher ging sie in
|
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der Richtung fort, wo der Faselhase wohnen sollte. »Hutmacher habe ich
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schon gesehen,« sprach sie zu sich, »der Faselhase wird viel
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interessanter sein.« Wie sie so sprach, blickte sie auf, und da saß die
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Katze wieder auf einem Baumzweige. »Sagtest du Ferkel oder Fächer?«
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fragte sie. »Ich sagte Ferkel,« antwortete Alice, »und es wäre mir sehr
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lieb, wenn du nicht immer so schnell erscheinen und verschwinden
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wolltest: du machst Einen ganz schwindlig.«
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»Schon gut,« sagte die Katze, und diesmal verschwand sie ganz langsam,
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wobei sie mit der Schwanzspitze anfing und mit dem Grinsen aufhörte, das
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noch einige Zeit sichtbar blieb, nachdem das Uebrige verschwunden war.
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»Oho, ich habe oft eine Katze ohne Grinsen gesehen,« dachte Alice, »aber
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ein Grinsen ohne Katze! so etwas Merkwürdiges habe ich in meinem Leben
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noch nicht gesehen!«
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Sie brauchte nicht weit zu gehen, so erblickte sie das Haus des
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Faselhasen; sie dachte, es müsse das rechte Haus sein, weil die
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Schornsteine wie Ohren geformt waren, und das Dach war mit Pelz gedeckt.
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Es war ein so großes Haus, daß, ehe sie sich näher heran wagte, sie ein
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wenig von dem Stück Pilz in ihrer linken Hand abknabberte, und sich bis
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auf zwei Fuß hoch brachte: trotzdem näherte sie sich etwas furchtsam,
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für sich sprechend: »Wenn er nur nicht ganz rasend ist! Wäre ich doch
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lieber zu dem Hutmacher gegangen!«
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Siebentes Kapitel.
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Die tolle Theegesellschaft.
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Vor dem Hause stand ein gedeckter Theetisch, an welchem der Faselhase
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und der Hutmacher saßen; ein Murmelthier saß zwischen ihnen, fest
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eingeschlafen, und die beiden Andern benutzten es als Kissen, um ihre
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Ellbogen darauf zu stützen, und redeten über seinem Kopfe mit einander.
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»Sehr unbequem für das Murmelthier,« dachte Alice; »nun, da es schläft,
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wird es sich wohl nichts daraus machen.«
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Der Tisch war groß, aber die Drei saßen dicht zusammengedrängt an einer
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Ecke: »Kein Platz! Kein Platz!« riefen sie aus, sobald sie Alice kommen
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sahen. »Ueber und über genug Platz!« sagte Alice unwillig und setzte
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sich in einen großen Armstuhl am Ende des Tisches.
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»Ist dir etwas Wein gefällig?« nöthigte sie der Faselhase.
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Alice sah sich auf dem ganzen Tische um, aber es war nichts als Thee
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darauf. »Ich sehe keinen Wein,« bemerkte sie.
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»Es ist keiner hier,« sagte der Faselhase.
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»Dann war es gar nicht höflich von dir, mir welchen anzubieten,« sagte
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Alice ärgerlich.
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»Es war gar nicht höflich von dir, dich ungebeten herzusetzen,« sagte
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der Faselhase.
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»Ich wußte nicht, das es _dein_ Tisch ist; er ist für viel mehr als drei
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gedeckt.«
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»Dein Haar muß verschnitten werden,« sagte der Hutmacher. Er hatte Alice
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eine Zeit lang mit großer Neugierde angesehen, und dies waren seine
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ersten Worte.
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»Du solltest keine persönlichen Bemerkungen machen,« sagte Alice mit
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einer gewissen Strenge, »es ist sehr grob.«
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Der Hutmacher riß die Augen weit auf, als er dies hörte; aber er sagte
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weiter nichts als: »Warum ist ein Rabe wie ein Reitersmann?«
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»Ei, jetzt wird es Spaß geben,« dachte Alice. »Ich bin so froh, daß sie
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anfangen Räthsel aufzugeben -- Ich glaube, das kann ich rathen,« fuhr sie
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laut fort.
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[Illustration]
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»Meinst du, daß du die Antwort dazu finden kannst?« fragte der
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Faselhase.
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»Ja, natürlich,« sagte Alice.
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»Dann solltest du sagen, was du meinst,« sprach der Hase weiter.
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»Das thue ich ja,« warf Alice schnell ein, »wenigstens -- wenigstens
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meine ich, was ich sage -- und das ist dasselbe.«
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»Nicht im Geringsten dasselbe!« sagte der Hutmacher. »Wie, du könntest
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eben so gut behaupten, daß »ich sehe, was ich esse« dasselbe ist wie
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»ich esse, was ich sehe.«
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»Du könntest auch behaupten,« fügte der Faselhase hinzu, »ich mag, was
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ich kriege« sei dasselbe wie »ich kriege, was ich mag!«
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»Du könntest eben so gut behaupten,« fiel das Murmelthier ein, das im
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Schlafe zu sprechen schien, »ich athme, wenn ich schlafe« sei dasselbe
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wie »ich schlafe, wenn ich athme!«
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»Es _ist_ dasselbe bei dir,« sagte der Hutmacher, und damit endigte die
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Unterhaltung, und die Gesellschaft saß einige Minuten schweigend,
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während Alice Alles durchdachte, was sie je von Raben und Reitersmännern
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gehört hatte, und das war nicht viel.
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Der Hutmacher brach das Schweigen zuerst. »Den wievielsten haben wir
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heute?« sagte er, sich an Alice wendend; er hatte seine Uhr aus der
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Tasche genommen, sah sie unruhig an, schüttelte sie hin und her und
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hielt sie an's Ohr.
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Alice besann sich ein wenig und sagte: »Den vierten.«
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»Zwei Tage falsch!« seufzte der Hutmacher. »Ich sagte dir ja, daß Butter
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das Werk verderben würde,« setzte er hinzu, indem er den Hasen ärgerlich
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ansah.
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»Es war die beste Butter,« sagte der Faselhase demüthig.
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»Ja, aber es muß etwas Krume mit hinein gerathen sein,« brummte der
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Hutmacher; »du hättest sie nicht mit dem Brodmesser hinein thun sollen.«
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Der Faselhase nahm die Uhr und betrachtete sie trübselig; dann tunkte er
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sie in seine Tasse Thee und betrachtete sie wieder, aber es fiel ihm
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nichts Besseres ein, als seine erste Bemerkung: »Es war wirklich die
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beste Butter.«
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Alice hatte ihm neugierig über die Schulter gesehen. »Was für eine
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komische Uhr!« sagte sie. »Sie zeigt das Datum, und nicht wie viel Uhr
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es ist!«
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»Warum sollte sie?« brummte der Hase; »zeigt deine Uhr, welches Jahr es
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ist?«
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»Natürlich nicht,« antwortete Alice schnell, »weil es so lange
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hintereinander dasselbe Jahr bleibt.«
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»Und so ist es gerade mit meiner,« sagte der Hutmacher.
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Alice war ganz verwirrt. Die Erklärung des Hutmachers schien ihr gar
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keinen Sinn zu haben, und doch waren es deutlich gesprochne Worte. »Ich
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verstehe dich nicht ganz,« sagte sie, so höflich sie konnte.
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»Das Murmelthier schläft schon wieder,« sagte der Hutmacher, und goß ihm
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etwas heißen Thee auf die Nase.
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Das Murmelthier schüttelte ungeduldig den Kopf und sagte, ohne die Augen
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aufzuthun: »Freilich, freilich, das wollte ich eben auch bemerken.«
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»Hast du das Räthsel schon gerathen?« wandte sich der Hutmacher an
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Alice.
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»Nein, ich gebe es auf,« antwortete Alice; »was ist die Antwort?«
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»Davon habe ich nicht die leiseste Ahnung,« sagte der Hutmacher.
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»Ich auch nicht,« sagte der Faselhase.
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Alice seufzte verstimmt. »Ich dächte, ihr könntet die Zeit besser
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anwenden,« sagte sie, »als mit Räthseln, die keine Auflösung haben.«
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»Wenn du die Zeit so gut kenntest wie ich,« sagte der Hutmacher,
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»würdest du nicht davon reden, wie wir sie anwenden, sondern wie sie uns
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anwendet.«
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»Ich weiß nicht, was du meinst,« sagte Alice.
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»Natürlich kannst du das nicht wissen!« sagte der Hutmacher, indem er
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den Kopf verächtlich in die Höhe warf. »Du hast wahrscheinlich nie mit
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der Zeit gesprochen.«
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»Ich glaube kaum,« erwiederte Alice vorsichtig; »aber Mama sagte
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gestern, ich sollte zu meiner kleinen Schwester gehen und ihr die Zeit
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vertreiben.«
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»So? das wird sie dir schön übel genommen haben; sie läßt sich nicht
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gern vertreiben. Aber wenn man gut mit ihr steht, so thut sie Einem
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beinah Alles zu Gefallen mit der Uhr. Zum Beispiel, nimm den Fall, es
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wäre 9 Uhr Morgens, gerade Zeit, deine Stunden anzufangen, du brauchtest
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der Zeit nur den kleinsten Wink zu geben, schnurr! geht die Uhr herum,
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ehe du dich's versiehst! halb Zwei, Essenszeit!«
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(»Ich wünschte, das wäre es!« sagte der Faselhase leise für sich.)
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»Das wäre wirklich famos,« sagte Alice gedankenvoll, »aber dann würde
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ich nicht hungrig genug sein, nicht wahr?«
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»Zuerst vielleicht nicht,« antwortete der Hutmacher, »aber es würde so
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lange halb Zwei bleiben, wie du wolltest.«
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»So macht ihr es wohl hier?« fragte Alice.
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Der Hutmacher schüttelte traurig den Kopf. »Ich nicht!« sprach er. »Wir
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haben uns vorige Ostern entzweit -- kurz ehe er toll wurde, du weißt
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doch (mit seinem Theelöffel auf den Faselhasen zeigend) -- es war in dem
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großen Concert, das die Coeur-Königin gab; ich mußte singen:
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[Illustration]
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»O Papagei, o Papagei!
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Wie grün sind deine Federn!«
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Vielleicht kennst du das Lied?«
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»Ich habe etwas dergleichen gehört,« sage Alice.
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»Es geht weiter,« fuhr der Hutmacher fort:
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»Du grünst nicht nur zur Friedenszeit,
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Auch wenn es Teller und Töpfe schneit.
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O Papagei, o Papagei --«
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Hier schüttelte sich das Murmelthier und fing an im Schlaf zu singen: »O
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Papagei, o Mamagei, o Papagei, o Mamagei --« in einem fort, so daß sie
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es zuletzt kneifen mußten, damit es nur aufhöre.
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»Denke dir, ich hatte kaum den ersten Vers fertig,« sagte der Hutmacher,
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»als die Königin ausrief: Abscheulich! der Mensch schlägt geradezu die
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Zeit todt mit seinem Geplärre. Aufgehängt soll er werden!«
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»Wie furchtbar grausam!« rief Alice.
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»Und seitdem,« sprach der Hutmacher traurig weiter, »hat sie mir nie
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etwas zu Gefallen thun wollen, die Zeit! Es ist nun immer sechs Uhr!«
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Dies brachte Alice auf einen klugen Gedanken. »Darum sind wohl so viele
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Tassen hier herumgestellt?« fragte sie.
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»Ja, darum,« sagte der Hutmacher mit einem Seufzer, »es ist immer
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Theestunde, und wir haben keine Zeit, die Tassen dazwischen
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aufzuwaschen.«
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»Dann rückt ihr wohl herum?« sagte Alice.
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»So ist es,« sagte der Hutmacher, »wenn die Tassen genug gebraucht
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sind.«
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»Aber wenn ihr wieder an den Anfang kommt?« unterstand sich Alice zu
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fragen.
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»Wir wollen jetzt von etwas Anderem reden,« unterbrach sie der Faselhase
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gähnend, »dieser Gegenstand ist mir nachgerade langweilig. Ich schlage
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vor, die junge Dame erzählt eine Geschichte.«
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»O, ich weiß leider keine,« rief Alice, ganz bestürzt über diese
|
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Zumuthung.
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»Dann soll das Murmelthier erzählen!« riefen beide; »wache auf,
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|
Murmelthier!« dabei kniffen sie es von beiden Seiten zugleich.
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Das Murmelthier machte langsam die Augen auf. »Ich habe nicht
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geschlafen,« sagte es mit heiserer, schwacher Stimme, »ich habe jedes
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Wort gehört, das ihr Jungen gesagt habt.«
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»Erzähle uns eine Geschichte!« sagte der Faselhase.
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»Ach ja, sei so gut!« bat Alice.
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»Und mach schnell,« fügte der Hutmacher hinzu, »sonst schläfst du ein,
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ehe sie zu Ende ist.«
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»Es waren einmal drei kleine Schwestern,« fing das Murmelthier eilig an,
|
|
»die hießen Else, Lacie und Tillie, und sie lebten tief unten in einem
|
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Brunnen --«
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»Wovon lebten sie?« fragte Alice, die sich immer für Essen und Trinken
|
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sehr interessirte.
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»Sie lebten von Syrup,« versetzte das Murmelthier, nachdem es sich eine
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Minute besonnen hatte.
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»Das konnten sie ja aber nicht,« bemerkte Alice schüchtern, »da wären
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sie ja krank geworden.«
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»Das wurden sie auch,« sagte das Murmelthier, »sehr krank.«
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Alice versuchte es sich vorzustellen, wie eine so außergewöhnliche Art
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zu leben wohl sein möchte; aber es kam ihr zu kurios vor, sie mußte
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wieder fragen: »Aber warum lebten sie unten in dem Brunnen?«
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»Willst du nicht ein wenig mehr Thee?« sagte der Faselhase sehr
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ernsthaft zu Alice.
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»Ein wenig mehr? ich habe noch keinen gehabt,« antwortete Alice etwas
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empfindlich, »also kann ich nicht noch _mehr_ trinken.«
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»Du meinst, du kannst nicht _weniger_ trinken,« sagte der Hutmacher: »es
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ist sehr leicht, _mehr_ als keinen zu trinken.«
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»Niemand hat dich um deine Meinung gefragt,« sagte Alice.
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»Wer macht denn nun persönliche Bemerkungen?« rief der Hutmacher
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|
triumphirend.
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Alice wußte nicht recht, was sie darauf antworten sollte; sie nahm sich
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daher etwas Thee und Butterbrot, und dann wandte sie sich an das
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Murmelthier und wiederholte ihre Frage: »Warum lebten sie in einem
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Brunnen?«
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Das Murmelthier besann sich einen Augenblick und sagte dann: »Es war ein
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Syrup-Brunnen.«
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»Den giebt es nicht!« fing Alice sehr ärgerlich an; aber der Hutmacher
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und Faselhase machten beide: »Sch, sch!« und das Murmelthier bemerkte
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brummend: »Wenn du nicht höflich sein kannst, kannst du die Geschichte
|
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selber auserzählen.«
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»Nein, bitte, erzähle weiter!« sagte Alice ganz bescheiden; »ich will
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dich nicht wieder unterbrechen. Es wird wohl _einen_ geben.«
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»_Einen_, wirklich!« sagte das Murmelthier entrüstet. Doch ließ es sich
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zum Weitererzählen bewegen. »Also die drei kleinen Schwestern -- sie
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lernten zeichnen, müßt ihr wissen --«
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»Was zeichneten sie?« sagte Alice, ihr Versprechen ganz vergessend.
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»Syrup,« sagte das Murmelthier, diesmal ganz ohne zu überlegen.
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»Ich brauche eine reine Tasse,« unterbrach der Hutmacher, »wir wollen
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Alle einen Platz rücken.«
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Er rückte, wie er das sagte, und das Murmelthier folgte ihm; der
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|
Faselhase rückte an den Platz des Murmelthiers, und Alice nahm, obgleich
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etwas ungern, den Platz des Faselhasen ein. Der Hutmacher war der
|
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Einzige, der Vortheil von diesem Wechsel hatte, und Alice hatte es viel
|
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schlimmer als zuvor, da der Faselhase eben den Milchtopf über seinen
|
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Teller umgestoßen hatte.
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Alice wollte das Murmelthier nicht wieder beleidigen und fing daher sehr
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vorsichtig an: »Aber ich verstehe nicht. Wie konnten sie den Syrup
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zeichnen?«
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»Als ob nicht aller Syrup gezeichnet wäre, den man vom Kaufmann holt,«
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sagte der Hutmacher; »hast du nicht immer darauf gesehen: feinste
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Qualität, allerfeinste Qualität, superfeine Qualität -- oh, du kleiner
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Dummkopf?«
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»Wie gesagt,« fuhr das Murmelthier fort, »lernten sie zeichnen;« hier
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gähnte es und rieb sich die Augen, denn es fing an, sehr schläfrig zu
|
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werden; »und sie zeichneten Allerlei -- Alles was mit M. anfängt --«
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»Warum mit M?« fragte Alice.
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»Warum nicht?« sagte der Faselhase.
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Alice war still.
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Das Murmelthier hatte mittlerweile die Augen zugemacht, und war halb
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eingeschlafen; da aber der Hutmacher es zwickte, wachte es mit einem
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leisen Schrei auf und sprach weiter: -- »was mit M anfängt, wie
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Mausefallen, den Mond, Mangel und manches Mal -- ihr wißt, man sagt: ich
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habe das _manches liebe_ Mal gethan -- hast du je manches liebe _Mal_
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gezeichnet gesehen?«
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»Wirklich, da du mich selbst fragst,« sagte Alice ganz verwirrt, »ich
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denke kaum --«
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»Dann solltest du auch nicht reden,« sagte der Hutmacher.
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Dies war nachgerade zu grob für Alice: sie stand ganz beleidigt auf und
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ging fort; das Murmelthier schlief augenblicklich wieder ein, und die
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beiden Andern beachteten ihr Fortgehen nicht, obgleich sie sich ein paar
|
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Mal umsah, halb in der Hoffnung, daß sie sie zurückrufen würden. Als sie
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sie zuletzt sah, versuchten sie das Murmelthier in die Theekanne zu
|
|
stecken.
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»Auf keinen Fall will ich _da_ je wieder hingehen!« sagte Alice, während
|
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sie sich einen Weg durch den Wald suchte. »Es ist die dümmste
|
|
Theegesellschaft, in der ich in meinem ganzen Leben war!«
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|
|
|
[Illustration]
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|
Gerade wie sie so sprach, bemerkte sie, daß einer der Bäume eine kleine
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|
Thür hatte. »Das ist höchst komisch!« dachte sie. »Aber Alles ist heute
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komisch! Ich will lieber gleich hinein gehen.«
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|
Wie gesagt, so gethan: und sie befand sich wieder in dem langen
|
|
Corridor, und dicht bei dem kleinen Glastische. »Diesmal will ich es
|
|
gescheidter anfangen,« sagte sie zu sich selbst, nahm das goldne
|
|
Schlüsselchen und schloß die Thür auf, die in den Garten führte. Sie
|
|
machte sich daran, an dem Pilz zu knabbern (sie hatte ein Stückchen in
|
|
ihrer Tasche behalten), bis sie ungefähr einen Fuß hoch war, dann ging
|
|
sie den kleinen Gang hinunter; und dann -- war sie endlich in dem
|
|
schönen Garten, unter den prunkenden Blumenbeeten und kühlen
|
|
Springbrunnen.
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|
Achtes Kapitel.
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|
Das Croquetfeld der Königin.
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Ein großer hochstämmiger Rosenstrauch stand nahe bei'm Eingang; die
|
|
Rosen, die darauf wuchsen, waren weiß, aber drei Gärtner waren damit
|
|
beschäftigt, sie roth zu malen. Alice kam dies wunderbar vor, und da sie
|
|
näher hinzutrat, um ihnen zuzusehen, hörte sie einen von ihnen sagen:
|
|
»Nimm dich in Acht, Fünf! Bespritze mich nicht so mit Farbe!«
|
|
|
|
»Ich konnte nicht dafür,« sagte Fünf in verdrießlichem Tone; »Sieben hat
|
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mich an den Ellbogen gestoßen.«
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|
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Worauf Sieben aufsah und sagte: »Recht so, Fünf! Schiebe immer die
|
|
Schuld auf andre Leute!«
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|
|
»Du sei nur ganz still!« sagte Fünf. »Gestern erst hörte ich die Königin
|
|
sagen, du verdientest geköpft zu werden!«
|
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|
|
»Wofür?« fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.
|
|
|
|
»Das geht _dich_ nichts an, Zwei!« sagte Sieben.
|
|
|
|
»Ja, es _geht_ ihn an!« sagte Fünf, »und ich werde es ihm sagen -- dafür,
|
|
daß er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Küchenzwiebeln gebracht hat.«
|
|
|
|
[Illustration]
|
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|
|
Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: »Ist je eine
|
|
ungerechtere Anschuldigung --« als sein Auge zufällig auf Alice fiel,
|
|
die ihnen zuhörte; er hielt plötzlich inne, die andern sahen sich auch
|
|
um, und sie verbeugten sich Alle tief.
|
|
|
|
»Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen,« sprach Alice etwas furchtsam,
|
|
»warum Sie diese Rosen malen?«
|
|
|
|
Fünf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei fing mit
|
|
leiser Stimme an: »Die Wahrheit zu gestehen, Fräulein, dies hätte hier
|
|
ein _rother_ Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus Versehen einen
|
|
weißen gepflanzt, und wenn die Königin es gewahr würde, würden wir Alle
|
|
geköpft werden, müssen Sie wissen. So, sehen Sie Fräulein, versuchen
|
|
wir, so gut es geht, ehe sie kommt --« In dem Augenblick rief Fünf, der
|
|
ängstlich tiefer in den Garten hinein gesehen hatte: »Die Königin! die
|
|
Königin!« und die drei Gärtner warfen sich sogleich flach auf's Gesicht.
|
|
Es entstand ein Geräusch von vielen Schritten, und Alice blickte
|
|
neugierig hin, die Königin zu sehen.
|
|
|
|
Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten alle
|
|
dieselbe Gestalt wie die Gärtner, rechteckig und flach, und an den vier
|
|
Ecken die Hände und Füße; danach kamen zehn Herren vom Hofe, sie waren
|
|
über und über mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die
|
|
Soldaten. Nach diesen kamen die königlichen Kinder, es waren ihrer zehn,
|
|
und die lieben Kleinen kamen lustig gesprungen Hand in Hand, paarweise,
|
|
sie waren ganz mit Herzen geschmückt. Darauf kamen die Gäste, meist
|
|
Könige und Königinnen, und unter ihnen erkannte Alice das weiße
|
|
Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise,
|
|
lächelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu
|
|
bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die königliche Krone auf
|
|
einem rothen Sammetkissen trug, und zuletzt in diesem großartigen Zuge
|
|
kamen _der Herzenskönig und die Herzenskönigin_.
|
|
|
|
Alice wußte nicht recht, ob sie sich nicht flach auf's Gesicht legen
|
|
müsse, wie die drei Gärtner; aber sie konnte sich nicht erinnern, je von
|
|
einer solchen Sitte bei Festzügen gehört zu haben. »Und außerdem, wozu
|
|
gäbe es überhaupt Aufzüge,« dachte sie, »wenn alle Leute flach auf dem
|
|
Gesichte liegen müßten, so daß sie sie nicht sehen könnten?« Sie blieb
|
|
also stehen, wo sie war, und wartete.
|
|
|
|
Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und sahen sie
|
|
an, und die Königin sagte strenge: »Wer ist das?« Sie hatte den
|
|
Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur lächelte und Kratzfüße
|
|
machte.
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|
»Schafskopf!« sagte die Königin, den Kopf ungeduldig zurückwerfend; und
|
|
zu Alice gewandt fuhr sie fort: »Wie heißt du, Kind?«
|
|
|
|
[Illustration]
|
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|
»Mein Name ist Alice, Euer Majestät zu dienen!« sagte Alice sehr
|
|
höflich; aber sie dachte bei sich: »Ach was, es ist ja nur ein Pack
|
|
Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu fürchten!«
|
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|
|
»Und wer sind diese drei?« fuhr die Königin fort, indem sie auf die drei
|
|
Gärtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn natürlich, da sie
|
|
auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer Rückseite dasselbe war
|
|
wie für das ganze Pack, so konnte sie nicht wissen, ob es Gärtner oder
|
|
Soldaten oder Herren vom Hofe oder drei von ihren eigenen Kindern waren.
|
|
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|
»Woher soll ich das wissen?« sagte Alice, indem sie sich selbst über
|
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ihren Muth wunderte. »Es ist nicht meines Amtes.«
|
|
|
|
Die Königin wurde purpurroth vor Wuth, und nachdem sie sie einen
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|
Augenblick wie ein wildes Thier angestarrt hatte, fing sie an zu
|
|
brüllen: »Ihren Kopf ab! ihren Kopf --«
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»Unsinn!« sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Königin war still.
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Der König legte seine Hand auf ihren Arm und sagte milde: »Bedenke,
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meine Liebe, es ist nur ein Kind!«
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Die Königin wandte sich ärgerlich von ihm ab und sagte zu dem Buben:
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»Dreh' sie um!«
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|
Der Bube that es, sehr sorgfältig, mit einem Fuße.
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»Steht auf!« schrie die Königin mit durchdringender Stimme, und die drei
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Gärtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu verneigen vor dem
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König, der Königin, den königlichen Kindern, und Jedermann.
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»Laßt das sein!« eiferte die Königin. »Ihr macht mich schwindlig.« Und
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dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend, fuhr sie fort: »Was habt ihr
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hier gethan?«
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»Euer Majestät zu dienen,« sagte Zwei in sehr demüthigem Tone und sich
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auf ein Knie niederlassend, »wir haben versucht --«
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»Ich sehe!« sagte die Königin, die unterdessen die Rosen untersucht
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hatte. »Ihre Köpfe ab!« und der Zug bewegte sich fort, während drei von
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den Soldaten zurückblieben um die unglücklichen Gärtner zu enthaupten,
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welche zu Alice liefen und sie um Schutz baten.
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»Ihr sollt nicht getödtet werden!« sagte Alice, und damit steckte sie
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sie in einen großen Blumentopf, der in der Nähe stand. Die drei Soldaten
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gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen, und dann
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schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.
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»Sind ihre Köpfe gefallen?« schrie die Königin sie an.
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»Ihre Köpfe sind fort, zu Euer Majestät Befehl!« schrien die Soldaten
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als Antwort.
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»Das ist gut!« schrie die Königin. »Kannst du Croquet spielen?«
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Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage
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augenscheinlich an sie gerichtet war.
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»Ja!« schrie Alice.
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»Dann komm mit!« brüllte die Königin, und Alice schloß sich dem Zuge an,
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sehr neugierig, was nun geschehen werde.
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»Es ist -- es ist ein sehr schöner Tag!« sagte eine schüchterne Stimme
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neben ihr. Sie ging neben dem weißen Kaninchen, das ihr ängstlich in's
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Gesicht sah.
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»Sehr,« sagte Alice; -- »wo ist die Herzogin?«
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»Still! still!« sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone. Es
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sah dabei ängstlich über seine Schulter, stellte sich dann auf die
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Zehen, hielt den Mund dicht an Alice's Ohr und wisperte: »Sie ist zum
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Tode verurtheilt.«
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»Wofür?« fragte diese.
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»Sagtest du: wie Schade?« fragte das Kaninchen.
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»Nein, das sagte ich nicht,« sagte Alice, »ich finde gar nicht, daß es
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Schade ist. Ich sagte: wofür?«
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»Sie hat der Königin eine Ohrfeige gegeben --« fing das Kaninchen an.
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Alice lachte hörbar. »Oh still!« flüsterte das Kaninchen in sehr
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erschreckten Tone. »Die Königin wird dich hören! Sie kam nämlich etwas
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spät, und die Königin sagte --«
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»Macht, daß ihr an eure Plätze kommt!« donnerte die Königin, und Alle
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fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen, wobei sie Einer
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über den Andern stolperten; jedoch nach ein bis zwei Minuten waren sie
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in Ordnung, und das Spiel fing an.
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[Illustration]
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Alice dachte bei sich, ein so merkwürdiges Croquet-Feld habe sie in
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ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erhöhungen und Furchen, die
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Kugeln waren lebendige Igel, und die Schlägel lebendige Flamingos, und
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die Soldaten mußten sich umbiegen und auf Händen und Füßen stehen, um
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die Bogen zu bilden.
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Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo zu
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handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen Körper unter ihrem
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Arme festhalten, so daß die Füße herunterhingen, aber wenn sie eben
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seinen Hals schön ausgestreckt hatte, und dem Igel nun einen Schlag mit
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seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich auf und sah ihr mit einem
|
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so verdutzten Ausdruck in's Gesicht, daß sie sich nicht enthalten konnte
|
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laut zu lachen. Wenn sie nun seinen Kopf herunter gebogen hatte und eben
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wieder anfangen wollte zu spielen, so fand sie zu ihrem großen Verdruß,
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daß der Igel sich aufgerollt hatte und eben fortkroch; außerdem war
|
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gewöhnlich eine Erhöhung oder eine Furche gerade da im Wege, wo sie den
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Igel hinrollen wollte, und da die umgebogenen Soldaten fortwährend
|
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aufstanden und an eine andere Stelle des Grasplatzes gingen, so kam
|
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Alice bald zu der Ueberzeugung, daß es wirklich ein sehr schweres Spiel
|
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sei.
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Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der Reihe
|
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waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die Igel, und in
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sehr kurzer Zeit war die Königin in der heftigsten Wuth, stampfte mit
|
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den Füßen und schrie: »Schlagt ihr den Kopf ab!« ungefähr ein Mal jede
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Minute.
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Alice fing an, sich sehr unbehaglich zu fühlen, sie hatte zwar noch
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keinen Streit mit der Königin gehabt, aber sie wußte, daß sie keinen
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Augenblick sicher davor war, »und was,« dachte sie, »würde dann aus mir
|
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werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu köpfen; es ist das
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größte Wunder, daß überhaupt noch welche am Leben geblieben sind!« Sie
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sah sich nach einem Ausgange um und überlegte, ob sie sich wohl ohne
|
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gesehen zu werden, fortschleichen könne, als sie eine merkwürdige
|
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Erscheinung in der Luft wahrnahm: sie schien ihr zuerst ganz
|
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räthselhaft, aber nachdem sie sie ein Paar Minuten beobachtet hatte,
|
|
erkannte sie, daß es ein Grinsen war, und sagte bei sich: »Es ist die
|
|
Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand haben, mit dem ich sprechen kann.«
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|
»Wie geht es dir?« sagte die Katze, sobald Mund genug da war, um damit
|
|
zu sprechen.
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Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. »Es nützt
|
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nichts mit ihr zu reden,« dachte sie, »bis ihre Ohren gekommen sind,
|
|
oder wenigstens eins.« Den nächsten Augenblick erschien der ganze Kopf;
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|
da setzte Alice ihren Flamingo nieder und fing ihren Bericht von dem
|
|
Spiele an, sehr froh, daß sie Jemand zum Zuhören hatte. Die Katze
|
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schien zu glauben, daß jetzt genug von ihr sichtbar sei, und es erschien
|
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weiter nichts.
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»Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht,« fing Alice in etwas
|
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klagendem Tone an, »und sie zanken sich Alle so entsetzlich, daß man
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|
sein eigenes Wort nicht hören kann -- und dann haben sie gar keine
|
|
Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet sie Niemand
|
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-- und du hast keine Idee, wie es Einen verwirrt, daß alle
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Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen, durch den
|
|
ich das nächste Mal spielen muß, und geht am andern Ende des Grasplatzes
|
|
spazieren -- und ich hätte den Igel der Königin noch eben _treffen_
|
|
können, nur daß er fortrannte, als er meinen kommen sah!«
|
|
|
|
»Wie gefällt dir die Königin?« fragte die Katze leise.
|
|
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»Ganz und gar nicht,« sagte Alice, »sie hat so sehr viel --« da bemerkte
|
|
sie eben, daß die Königin dicht hinter ihr war und zuhörte, also setzte
|
|
sie hinzu: »Aussicht zu gewinnen, daß es kaum der Mühe werth ist, das
|
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Spiel auszuspielen.«
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|
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|
Die Königin lächelte und ging weiter.
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|
»Mit wem redest du da?« sagte der König, indem er an Alice herantrat
|
|
und mit großer Neugierde den Katzenkopf ansah.
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|
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»Es ist einer meiner Freunde -- ein Grinse-Kater,« sagte Alice;
|
|
»erlauben Eure Majestät, daß ich ihn Ihnen vorstelle.«
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»Sein Aussehen gefällt mir gar nicht,« sagte der König; »er mag mir
|
|
jedoch die Hand küssen, wenn er will.«
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|
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»O, lieber nicht!« versetzte der Kater.
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»Sei nicht so impertinent,« sagte der König, »und sieh mich nicht so
|
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an!« Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.
|
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»Der Kater sieht den König an, der König sieht den Kater an,« sagte
|
|
Alice, »das habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nur nicht mehr wo.«
|
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»Fort muß er,« sagte der König sehr entschieden, und rief der Königin
|
|
zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! ich wollte, du ließest diesen
|
|
Kater fortschaffen!«
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Die Königin kannte nur _eine_ Art, alle Schwierigkeiten, große und kleine,
|
|
zu beseitigen. »Schlagt ihm den Kopf ab!« sagte sie, ohne sich einmal
|
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umzusehen.
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|
»Ich werde den Henker selbst holen,« sagte der König eifrig und eilte
|
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fort.
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Alice dachte, sie wollte lieber zurück gehen und sehen, wie es mit dem
|
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Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der Königin hörte, die
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vor Wuth außer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler zum Tode
|
|
verurtheilen hören, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten, und der Stand
|
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der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in solcher Verwirrung war,
|
|
daß sie nie wußte, ob sie an der Reihe sei oder nicht. Sie ging also,
|
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sich nach ihrem Igel umzusehen.
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Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine
|
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vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu _treffen_; die
|
|
einzige Schwierigkeit war, daß ihr Flamingo nach dem andern Ende des
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|
Gartens gegangen war, wo Alice eben sehen konnte, wie er höchst
|
|
ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.
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|
|
|
Als sie den Flamingo gefangen und zurückgebracht hatte, war der Kampf
|
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vorüber und die beiden Igel nirgends zu sehen. »Aber es kommt nicht
|
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drauf an,« dachte Alice, »da alle Bogen auf dieser Seite des Grasplatzes
|
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fortgegangen sind.« Sie steckte also ihren Flamingo unter den Arm, damit
|
|
er nicht wieder fortliefe, und ging zurück, um mit ihrem Freunde weiter
|
|
zu schwatzen.
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|
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|
Als sie zum Cheshire-Kater zurück kam, war sie sehr erstaunt, einen
|
|
großen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein großer
|
|
Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem Könige und der Königin,
|
|
welche alle drei zugleich sprachen, während die Uebrigen ganz still
|
|
waren und sehr ängstlich aussahen.
|
|
|
|
Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den
|
|
streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre
|
|
Beweisgründe, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen
|
|
konnte, was jeder Einzelne sagte.
|
|
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|
[Illustration]
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|
Der Henker behauptete, daß man keinen Kopf abschneiden könne, wo kein
|
|
Körper sei, von dem man ihn abschneiden könne; daß er so etwas noch nie
|
|
gethan habe, und jetzt über die Jahre hinaus sei, wo man etwas Neues
|
|
lerne.
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|
|
|
Der König behauptete, daß Alles, was einen Kopf habe, geköpft werden
|
|
könne, und daß man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.
|
|
|
|
Die Königin behauptete, daß wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas
|
|
geschehe, sie die ganze Gesellschaft würde köpfen lassen. (Diese
|
|
letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und ängstliches
|
|
Aussehen gegeben.)
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|
Alice wußte nichts Besseres zu sagen als: "Er gehört der Herzogin, es
|
|
wäre am besten sie zu fragen."
|
|
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"Sie ist im Gefängnis," sagte die Königin zum Henker, "hole sie her."
|
|
Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.
|
|
|
|
Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade
|
|
in dem Augenblicke, als der Henker mit der Herzogin zurück kam,
|
|
verschwand er gänzlich; der König und der Henker liefen ganz wild umher,
|
|
ihn zu suchen, während die übrige Gesellschaft zum Spiele zurückging.
|
|
|
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|
Neuntes Kapitel.
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|
|
Die Geschichte der falschen Schildkröte.
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»Du kannst dir gar nicht denken, wie froh ich bin, dich wieder zu sehen,
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du liebes altes Herz!« sagte die Herzogin, indem sie Alice liebevoll
|
|
unterfaßte, und beide zusammen fortspazierten.
|
|
|
|
Alice war sehr froh, sie bei so guter Laune zu finden, und dachte bei
|
|
sich, es wäre vielleicht nur der Pfeffer, der sie so böse gemacht habe,
|
|
als sie sich zuerst in der Küche trafen. »Wenn ich Herzogin bin,« sagte
|
|
sie für sich (doch nicht in sehr hoffnungsvollem Tone), »will ich gar
|
|
keinen Pfeffer in meiner Küche dulden. Suppe schmeckt sehr gut ohne --
|
|
Am Ende ist es immer Pfeffer, der die Leute heftig macht,« sprach sie
|
|
weiter, sehr glücklich, eine neue Art Regel erfunden zu haben, »und
|
|
Essig, der sie sauertöpfisch macht -- und Kamillenthee, der sie bitter
|
|
macht -- und Gerstenzucker und dergleichen, was Kinder zuckersüß macht.
|
|
Ich wünschte nur, die großen Leute wüßten das, dann würden sie nicht so
|
|
sparsam damit sein --«
|
|
|
|
Sie hatte unterdessen die Herzogin ganz vergessen und schrak förmlich
|
|
zusammen, als sie deren Stimme dicht an ihrem Ohre hörte. »Du denkst an
|
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etwas, meine Liebe, und vergißt darüber zu sprechen. Ich kann dir diesen
|
|
Augenblick nicht sagen, was die Moral davon ist, aber es wird mir gleich
|
|
einfallen.«
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|
|
|
»Vielleicht hat es keine,« hatte Alice den Muth zu sagen.
|
|
|
|
»Still, still, Kind!« sagte die Herzogin. »Alles hat seine Moral, wenn
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|
man sie nur finden kann.« Dabei drängte sie sich dichter an Alice heran.
|
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|
Alice mochte es durchaus nicht gern, daß sie ihr so nahe kam: erstens,
|
|
weil die Herzogin sehr häßlich war, und zweitens, weil sie gerade groß
|
|
genug war, um ihr Kinn auf Alice's Schulter zu stützen, und es war ein
|
|
unangenehm spitzes Kinn. Da sie aber nicht gern unhöflich sein wollte,
|
|
so ertrug sie es, so gut sie konnte.
|
|
|
|
»Das Spiel ist jetzt besser im Gange,« sagte sie, um die Unterhaltung
|
|
fortzuführen.
|
|
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|
[Illustration]
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|
»So ist es,« sagte die Herzogin, »und die Moral davon ist -- Mit Liebe
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und Gesange hält man die Welt im Gange!«
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»Wer sagte denn,« flüsterte Alice, »es geschehe dadurch, daß Jeder vor
|
|
seiner Thüre fege.«
|
|
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»Ah, sehr gut, das bedeutet ungefähr dasselbe,« sagte die Herzogin, und
|
|
indem sie ihr spitzes kleines Kinn in Alice's Schulter einbohrte, fügte
|
|
sie hinzu »und die Moral _davon_ ist -- So viel Köpfe, so viel Sinne.«
|
|
|
|
»Wie gern sie die Moral von Allem findet!« dachte Alice bei sich.
|
|
|
|
»Du wunderst dich wahrscheinlich, warum ich meinen Arm nicht um deinen
|
|
Hals lege,« sagte die Herzogin nach einer Pause; »die Wahrheit zu
|
|
gestehen, ich traue der Laune deines Flamingos nicht ganz. Soll ich es
|
|
versuchen?«
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|
»Er könnte beißen,« erwiderte Alice weislich, da sie sich keineswegs
|
|
danach sehnte, das Experiment zu versuchen.
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|
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»Sehr wahr,« sagte die Herzogin, »Flamingos und Senf beißen beide. Und
|
|
die Moral davon ist: Gleich und Gleich gesellt sich gern.«
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»Aber der Flamingo ist ja ein Vogel und Senf ist kein Vogel,« wandte
|
|
Alice ein.
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|
|
»Ganz recht, wie immer,« sagte die Herzogin, »wie deutlich du Alles
|
|
ausdrücken kannst.«
|
|
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»Es ist, glaube ich, ein Mineral,« sagte Alice.
|
|
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»Versteht sich,« sagte die Herzogin, die Allem, was Alice sagte,
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beizustimmen schien, »in dem großen Senf-Bergwerk hier in der Gegend
|
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sind ganz vorzüglich gute Minen. Und die Moral davon ist, daß wir gute
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Miene zum bösen Spiel machen müssen.«
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|
|
»O, ich weiß!« rief Alice aus, die die letzte Bemerkung ganz überhört
|
|
hatte, »es ist eine Pflanze. Es sieht nicht so aus, aber es ist eine.«
|
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|
»Ich stimme dir vollkommen bei,« sagte die Herzogin, »und die Moral
|
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davon ist: Sei was du zu scheinen wünschest! -- oder einfacher
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ausgedrückt: Bilde dir nie ein verschieden von dem zu sein was Anderen
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erscheint daß was du warest oder gewesen sein möchtest nicht verschieden
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von dem war daß was du gewesen warest ihnen erschienen wäre als wäre es
|
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verschieden.«
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»Ich glaube, ich würde das besser verstehen,« sagte Alice sehr höflich,
|
|
»wenn ich es aufgeschrieben hätte; ich kann nicht ganz folgen, wenn Sie
|
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es sagen.«
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|
|
|
»Das ist noch gar nichts dagegen, was ich sagen könnte, wenn ich
|
|
wollte,« antwortete die Herzogin in selbstzufriedenem Tone.
|
|
|
|
»Bitte, bemühen Sie sich nicht, es noch länger zu sagen!« sagte Alice.
|
|
|
|
»O, sprich nicht von Mühe!« sagte die Herzogin, »ich will dir Alles, was
|
|
ich bis jetzt gesagt habe, schenken.«
|
|
|
|
»Eine wohlfeile Art Geschenke!« dachte Alice, »ich bin froh, daß man
|
|
nicht solche Geburtstagsgeschenke macht!« Aber sie getraute sich nicht,
|
|
es laut zu sagen.
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|
|
|
»Wieder in Gedanken?« fragte die Herzogin und grub ihr spitzes kleines
|
|
Kinn tiefer ein.
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|
|
|
»Ich habe das Recht, in Gedanken zu sein, wenn ich will,« sagte Alice
|
|
gereizt, denn die Unterhaltung fing an, ihr langweilig zu werden.
|
|
|
|
»Gerade so viel Recht,« sagte die Herzogin, »wie Ferkel zum Fliegen, und
|
|
die M --«
|
|
|
|
Aber, zu Alice's großem Erstaunen stockte hier die Stimme der Herzogin,
|
|
und zwar mitten in ihrem Lieblingsworte »Moral«, und der Arm, der in dem
|
|
ihrigen ruhte, fing an zu zittern. Alice sah auf, und da stand die
|
|
Königin vor ihnen, mit über der Brust gekreuzten Armen, schwarzblickend
|
|
wie ein Gewitter.
|
|
|
|
»Ein schöner Tag, Majestät!« fing die Herzogin mit leiser schwacher
|
|
Stimme an.
|
|
|
|
»Ich will Sie schön gewarnt haben,« schrie die Königin und stampfte
|
|
dabei mit dem Fuße: »Fort augenblicklich, entweder mit Ihnen oder mit
|
|
Ihrem Kopfe! Wählen Sie!«
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Die Herzogin wählte und verschwand eilig.
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|
|
|
»Wir wollen weiter spielen,« sagte die Königin zu Alice, und diese, viel
|
|
zu erschrocken, ein Wort zu erwiedern, folgte ihr langsam nach dem
|
|
Croquet-Felde.
|
|
|
|
Die übrigen Gäste hatten die Abwesenheit der Königin benutzt, um im
|
|
Schatten auszuruhen; sobald sie sie jedoch kommen sahen, eilten sie
|
|
augenblicklich zum Spiele zurück, indem die Königin einfach bemerkte,
|
|
daß eine Minute Verzug ihnen das Leben kosten würde.
|
|
|
|
Die ganze Zeit, wo sie spielten, hörte die Königin nicht auf, mit den
|
|
andern Spielern zu zanken und zu schreien: »Schlagt ihm den Kopf ab!«
|
|
oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« Diejenigen, welche sie verurtheilt
|
|
hatte, wurden von den Soldaten in Verwahrsam geführt, die natürlich dann
|
|
aufhören mußten, die Bogen zu bilden, so daß nach ungefähr einer halben
|
|
Stunde keine Bogen mehr übrig waren, und alle Spieler, außer dem Könige,
|
|
der Königin und Alice, in Verwahrsam und zum Tode verurtheilt waren.
|
|
|
|
Da hörte die Königin, ganz außer Athem, auf, und sagte zu Alice: »Hast
|
|
du die _Falsche Schildkröte_ schon gesehen?«
|
|
|
|
»Nein,« sagte Alice. »Ich weiß nicht einmal, was eine _Falsche
|
|
Schildkröte_ ist.«
|
|
|
|
»Es ist das, woraus falsche Schildkrötensuppe gemacht wird,« sagte die
|
|
Königin.
|
|
|
|
»Ich habe weder eine gesehen, noch von einer gehört,« sagte Alice.
|
|
|
|
»Komm schnell,« sagte die Königin, »sie soll dir ihre Geschichte
|
|
erzählen.«
|
|
|
|
Als sie mit einander fortgingen, hörte Alice den König leise zu der
|
|
ganzen Versammlung sagen: »Ihr seid Alle begnadigt!« »Ach, das ist ein
|
|
Glück!« sagte sie für sich, denn sie war über die vielen Enthauptungen,
|
|
welche die Königin angeordnet hatte, ganz außer sich gewesen.
|
|
|
|
Sie kamen bald zu einem Greifen, der in der Sonne lag und schlief. (Wenn
|
|
ihr nicht wißt, was ein Greif ist, seht euch das Bild an.) »Auf, du
|
|
Faulpelz,« sagte die Königin, »und bringe dies kleine Fräulein zu der
|
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falschen Schildkröte, sie möchte gern ihre Geschichte hören. Ich muß
|
|
zurück und nach einigen Hinrichtungen sehen, die ich angeordnet habe;«
|
|
damit ging sie fort und ließ Alice mit dem Greifen allein. Der Anblick
|
|
des Thieres gefiel Alice nicht recht; aber im Ganzen genommen, dachte
|
|
sie, würde es eben so sicher sein, bei ihm zu bleiben, als dieser
|
|
grausamen Königin zu folgen, sie wartete also.
|
|
|
|
[Illustration]
|
|
|
|
Der Greif richtete sich auf und rieb sich die Augen: darauf sah er der
|
|
Königin nach, bis sie verschwunden war; dann schüttelte er sich. »Ein
|
|
köstlicher Spaß!« sagte der Greif, halb zu sich selbst, halb zu Alice.
|
|
|
|
»_Was_ ist ein Spaß?« fragte Alice.
|
|
|
|
»Sie,« sagte der Greif. »Es ist Alles ihre Einbildung, das: Niemand wird
|
|
niemals nicht hingerichtet. Komm schnell.«
|
|
|
|
»Jeder sagte hier, komm schnell,« dachte Alice, indem sie ihm langsam
|
|
nachging, »so viel bin ich in meinem Leben nicht hin und her kommandirt
|
|
worden, nein, in meinem ganzen Leben nicht!«
|
|
|
|
Sie brauchten nicht weit zu gehen, als sie schon die falsche Schildkröte
|
|
in der Entfernung sahen, wie sie einsam und traurig auf einem
|
|
Felsenriffe saß; und als sie näher kamen, hörte Alice sie seufzen, als
|
|
ob ihr das Herz brechen wollte. Sie bedauerte sie herzlich. »Was für
|
|
einen Kummer hat sie?« fragte sie den Greifen, und der Greif antwortete,
|
|
fast in denselben Worten wie zuvor: »Es ist Alles ihre Einbildung, das;
|
|
sie hat keinen Kummer nicht. Komm schnell.«
|
|
|
|
Sie gingen also an die falsche Schildkröte heran, die sie mit
|
|
thränenschweren Augen anblickte, aber nichts sagte.
|
|
|
|
»Die kleine Mamsell hier,« sprach der Greif, »sie sagt, sie möchte gern
|
|
deine Geschichte wissen, sagt sie.«
|
|
|
|
»Ich will sie ihr erzählen,« sprach die falsche Schildkröte mit tiefer,
|
|
hohler Stimme; »setzt euch beide her und sprecht kein Wort, bis ich
|
|
fertig bin.«
|
|
|
|
Gut, sie setzten sich hin und Keiner sprach mehre Minuten lang. Alice
|
|
dachte bei sich: »Ich begreife nicht, wie sie je fertig werden kann,
|
|
wenn sie nicht anfängt.« Aber sie wartete geduldig.
|
|
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|
»Einst,« sagte die falsche Schildkröte endlich mit einem tiefen Seufzer,
|
|
»war ich eine wirkliche Schildkröte.«
|
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|
[Illustration]
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Auf diese Worte folgte ein sehr langes Schweigen, nur hin und wieder
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unterbrochen durch den Ausruf des Greifen »Hjckrrh!« und durch das
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heftige Schluchzen der falschen Schildkröte. Alice wäre beinah
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aufgestanden und hätte gesagt: »Danke sehr für die interessante
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Geschichte!« aber sie konnte nicht umhin zu denken, daß doch noch etwas
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kommen müsse; daher blieb sie sitzen und sagte nichts.
|
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|
»Als wir klein waren,« sprach die falsche Schildkröte endlich weiter,
|
|
und zwar ruhiger, obgleich sie noch hin und wieder schluchzte, »gingen
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wir zur Schule in der See. Die Lehrerin war eine alte Schildkröte -- wir
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nannten sie Mamsell Schalthier --«
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»Warum nanntet ihr sie Mamsell Schalthier?« fragte Alice.
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»Sie _schalt hier_ oder sie schalt da alle Tage, darum,« sagte die falsche
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Schildkröte ärgerlich; »du bist wirklich sehr dumm.«
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»Du solltest dich schämen, eine so dumme Frage zu thun,« setzte der
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Greif hinzu, und dann saßen beide und sahen schweigend die arme Alice
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an, die in die Erde hätte sinken mögen. Endlich sagte der Greif zu der
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falschen Schildkröte: »Fahr' zu, alte Kutsche! Laß uns nicht den ganzen
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Tag warten!« Und sie fuhr in folgenden Worten fort:
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»Ja, wir gingen zur Schule, in der See, ob ihr es glaubt oder nicht --«
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»Ich habe nicht gesagt, daß ich es nicht glaubte,« unterbrach sie Alice.
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»Ja, das hast du,« sagte die falsche Schildkröte.
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»Halt' den Mund!« fügte der Greif hinzu, ehe Alice antworten konnte. Die
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falsche Schildkröte fuhr fort.
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»Wir gingen in die allerbeste Schule; wir hatten vier und zwanzig
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Stunden regelmäßig jeden Tag.«
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»Das haben wir auf dem Lande auch,« sagte Alice, »darauf brauchst du dir
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nicht so viel einzubilden.«
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»Habt ihr auch Privatstunden außerdem?« fragte die falsche Schildkröte
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etwas kleinlaut.
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»Ja,« sagte Alice, »Französisch und Klavier.«
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»Und Wäsche?« sagte die falsche Schildkröte.
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»Ich dächte gar!« sagte Alice entrüstet.
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»Ah! dann gehst du in keine wirklich gute Schule,« sagte die falsche
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Schildkröte sehr beruhigt. »In unserer Schule stand immer am Ende der
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Rechnung, »Französisch, Klavierspielen, Wäsche -- extra.«
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»Das könnt ihr nicht sehr nöthig gehabt haben,« sagte Alice, »wenn ihr
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auf dem Grunde des Meeres wohntet.«
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»Ich konnte keine Privatstunden bezahlen,« sagte die falsche
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Schildkröte mit einem Seufzer. »Ich nahm nur den regelmäßigen
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Unterricht.«
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»Und was war das?« fragte Alice.
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»Legen und Treiben, natürlich, zu allererst,« erwiederte die falsche
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Schildkröte; »und dann die vier Abtheilungen vom Rechnen: Zusehen,
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Abziehen, Vervielfraßen und Stehlen.«
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»Ich habe nie von Vervielfraßen gehört,« warf Alice ein. »Was ist das?«
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Der Greif erhob beide Klauen voller Verwunderung. »Nie von Vervielfraßen
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gehört!« rief er aus. »Du weißt, was Verhungern ist? vermuthe ich.«
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»Ja,« sagte Alice unsicher, »es heißt -- nichts -- essen -- und davon --
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sterben.«
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»Nun,« fuhr der Greif fort, »wenn du nicht verstehst, was Vervielfraßen
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ist, dann bist du ein Pinsel.«
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Alice hatte allen Muth verloren, sich weiter danach zu erkundigen, und
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wandte sich daher an die falsche Schildkröte mit der Frage: »Was hattet
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ihr sonst noch zu lernen?«
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»Nun, erstens Gewichte,« erwiederte die falsche Schildkröte, indem sie
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die Gegenstände an den Pfoten aufzählte, »Gewichte, alte und neue, mit
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Seeographie; dann Springen -- der Springelehrer war ein alter
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Stockfisch, der ein Mal wöchentlich zu kommen pflegte, er lehrte uns
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Pfoten Reiben und Unarten, meerschwimmig Springen, Schillern und
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Imponiren.«
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»Wie war denn das?« fragte Alice.
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»Ich kann es dir nicht selbst zeigen,« sagte die falsche Schildkröte,
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»ich bin zu steif. Und der Greif hat es nicht gelernt.«
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»Hatte keine Zeit,« sagte der Greif; »ich hatte aber Stunden bei dem
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Lehrer der alten Sprachen. Das war ein alter _Barsch_, ja, das war er.«
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»Bei dem bin ich nicht gewesen,« sagte die falsche Schildkröte mit einem
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Seufzer, »er lehrte Zebräisch und Greifisch, sagten sie immer.«
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»Das that er auch, das that er auch, und besonders Laßsein,« sagte der
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Greif, indem er ebenfalls seufzte, worauf beide Thiere sich das Gesicht
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mit den Pfoten bedeckten.
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»Und wie viel Schüler wart ihr denn in einer Klasse?« sagte Alice, die
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schnell auf einen andern Gegenstand kommen wollte.
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»Zehn den ersten Tag,« sagte die falsche Schildkröte, »neun den
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nächsten, und so fort.«
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»Was für eine merkwürdige Einrichtung!« rief Alice aus.
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»Das ist der Grund, warum man Lehrer hält, weil sie die Klasse von Tag
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zu Tag leeren.«
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Dies war ein ganz neuer Gedanke für Alice, welchen sie gründlich
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überlegte, ehe sie wieder eine Bemerkung machte. »Den elften Tag müssen
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dann Alle frei gehabt haben?«
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»Natürlich!« sagte die falsche Schildkröte.
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»Und wie wurde es den zwölften Tag gemacht?« fuhr Alice eifrig fort.
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»Das ist genug von Stunden,« unterbrach der Greif sehr bestimmt:
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»erzähle ihr jetzt etwas von den Spielen.«
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Zehntes Kapitel.
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Das Hummerballet.
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Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und wischte sich mit dem Rücken
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ihrer Pfote die Augen. Sie sah Alice an und versuchte zu sprechen, aber
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ein bis zwei Minuten lang erstickte lautes Schluchzen ihre Stimme.
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»Sieht aus, als ob sie einen Knochen in der Kehle hätt',« sagte der
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Greif und machte sich daran, sie zu schütteln und auf den Rücken zu
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klopfen. Endlich erhielt die falsche Schildkröte den Gebrauch ihrer
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Stimme wieder, und während Thränen ihre Wangen herabflossen, erzählte
|
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sie weiter.
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»Vielleicht hast du nicht viel unter dem Wasser gelebt --« (»Nein,«
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sagte Alice) -- »und vielleicht hast du nie die Bekanntschaft eines
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Hummers gemacht --« (Alice wollte eben sagen: »ich kostete einmal,« aber
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sie hielt schnell ein und sagte: »Nein, niemals«) -- »du kannst dir also
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nicht vorstellen, wie reizend ein Hummerballet ist.«
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»Nein, in der That nicht,« sagte Alice, »was für eine Art Tanz ist es?«
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»Nun,« sagte der Greif, »erst stellt man sich in einer Reihe am Strand
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auf --«
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»In zwei Reihen!« rief die falsche Schildkröte. »Seehunde, Schildkröten,
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Lachse, und so weiter; dann, wenn alle Seesterne aus dem Wege geräumt
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sind --«
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»Was gewöhnlich einige Zeit dauert,« unterbrach der Greif.
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»-- geht man zwei Mal vorwärts --«
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»Jeder einen Hummer zum Tanze führend!« rief der Greif.
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»Natürlich,« sagte die falsche Schildkröte: »zwei Mal vorwärts, wieder
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paarweis gestellt --«
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»-- wechselt die Hummer, und geht in derselben Ordnung zurück,« fuhr der
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Greif fort.
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»Dann, mußt du wissen,« fiel die falsche Schildkröte ein, »wirft man die
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--«
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»Die Hummer!« schrie der Greif mit einem Luftsprunge.
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»-- so weit in's Meer, als man kann --«
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»Schwimmt ihnen nach!« kreischte der Greif.
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»Schlägt einen Purzelbaum im Wasser!« rief die falsche Schildkröte,
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indem sie unbändig umhersprang.
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[Illustration]
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»Wechselt die Hummer wieder!« heulte der Greif mit erhobener Stimme.
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»Zurück an's Land, und -- das ist die ganze erste Figur,« sagte die
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falsche Schildkröte, indem ihre Stimme plötzlich sank; und beide Thiere,
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die bis dahin wie toll umhergesprungen waren, setzten sich sehr betrübt
|
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und still nieder und sahen Alice an.
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|
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»Es muß ein sehr hübscher Tanz sein,« sagte Alice ängstlich.
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»Möchtest du eine kleine Probe sehen?« fragte die falsche Schildkröte.
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»Sehr gern,« sagte Alice.
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»Komm, laß uns die erste Figur versuchen!« sagte die falsche Schildkröte
|
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zum Greifen. »Wir können es ohne Hummer, glaube ich. Wer soll singen?«
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»Oh, singe du!« sagte der Greif. »Ich habe die Worte vergessen.«
|
|
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So fingen sie denn an, feierlich im Kreise um Alice zu tanzen; zuweilen
|
|
traten sie ihr auf die Füße, wenn sie ihr zu nahe kamen; die falsche
|
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Schildkröte sang dazu, sehr langsam und traurig, Folgendes: --
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Zu der Schnecke sprach ein Weißfisch: »Kannst du denn nicht
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schneller gehn?
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Siehst du denn nicht die Schildkröten und die Hummer
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alle stehn?
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Hinter uns da kommt ein Meerschwein, und es tritt mir auf
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den Schwanz;
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|
Und sie warten an dem Strande, daß wir kommen zu
|
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dem Tanz.
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|
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen
|
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zu dem Tanz?
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|
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen
|
|
zu dem Tanz?«
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|
|
|
»Nein, du kannst es nicht ermessen, wie so herrlich es wird sein,
|
|
Nehmen sie uns mit den Hummern, werfen uns in's Meer hinein!«
|
|
Doch die Schnecke thät nicht trauen. »Das gefällt mir doch nicht ganz!
|
|
Viel zu weit, zu weit! ich danke -- gehe nicht mit euch zum Tanz!
|
|
Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, kann nicht kommen zu dem Tanz!
|
|
Nein, ich kann, ich mag, ich will nicht, mag nicht kommen zu dem Tanz!«
|
|
|
|
Und der Weißfisch sprach dagegen: »'s kommt ja nicht drauf an, wie
|
|
weit!
|
|
Ist doch wohl ein andres Ufer, drüben auf der andern Seit'!
|
|
Und noch viele schöne Küsten giebt es außer Engelland's;
|
|
Nur nicht blöde, liebe Schnecke, komm' geschwind mit mir zum Tanz!
|
|
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst du kommen zu dem
|
|
Tanz?
|
|
Willst du denn nicht, willst du denn nicht, willst nicht kommen zu dem
|
|
Tanz?«
|
|
|
|
»Danke sehr, es ist sehr, sehr interessant, diesem Tanze zuzusehen,«
|
|
sagte Alice, obgleich sie sich freute, daß er endlich vorüber war; »und
|
|
das komische Lied von dem Weißfisch gefällt mir so!«
|
|
|
|
»Oh, was die Weißfische anbelangt,« sagte die falsche Schildkröte, »die
|
|
-- du hast sie doch gesehen?«
|
|
|
|
»Ja,« sagte Alice, »ich habe sie oft gesehen, bei'm Mitt --« sie hielt
|
|
schnell inne.
|
|
|
|
»Ich weiß nicht, wer Mitt sein mag,« sagte die falsche Schildkröte,
|
|
»aber da du sie so oft gesehen hast, so weißt du natürlich, wie sie
|
|
aussehen?«
|
|
|
|
»Ja, ich glaube,« sagte Alice nachdenklich, »sie haben den Schwanz im
|
|
Maule, -- und sind ganz mit geriebener Semmel bestreut.«
|
|
|
|
»Die geriebene Semmel ist ein Irrthum,« sagte die falsche Schildkröte;
|
|
»sie würde in der See bald abgespült werden. Aber den Schwanz haben sie
|
|
im Maule, und der Grund ist« -- hier gähnte die falsche Schildkröte und
|
|
machte die Augen zu. -- »Sage ihr Alles das von dem Grunde,« sprach sie
|
|
zum Greifen.
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|
|
|
»Der Grund ist,« sagte der Greif, »daß sie durchaus im Hummerballet
|
|
mittanzen wollten. So wurden sie denn in die See hinein geworfen. So
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mußten sie denn sehr weit fallen. So kamen ihnen denn die Schwänze in
|
|
die Mäuler. So konnten sie sie denn nicht wieder heraus bekommen. So ist
|
|
es.«
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|
|
|
»Danke dir,« sagte Alice, »es ist sehr interessant. Ich habe nie so viel
|
|
vom Weißfisch zu hören bekommen.«
|
|
|
|
»Ich kann dir noch mehr über ihn sagen, wenn du willst,« sagte der
|
|
Greif, »weißt du, warum er Weißfisch heißt?«
|
|
|
|
»Ich habe darüber noch nicht nachgedacht,« sagte Alice. »Warum?«
|
|
|
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»Darum eben,« sagte der Greif mit tiefer, feierlicher Stimme, »weil man
|
|
so wenig von ihm _weiß_. Nun aber mußt du uns auch etwas von deinen
|
|
Abenteuern erzählen.«
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|
|
»Ich könnte euch meine Erlebnisse von heute früh an erzählen,« sagte
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Alice verschämt, »aber bis gestern zurück zu gehen, wäre ganz unnütz,
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|
weil ich da jemand Anderes war.«
|
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|
|
»Erkläre das deutlich,« sagte die falsche Schildkröte.
|
|
|
|
»Nein, die Erlebnisse erst,« sagte der Greif in ungeduldigem Tone,
|
|
»Erklärungen nehmen so schrecklich viel Zeit fort.«
|
|
|
|
Alice fing also an, ihnen ihre Abenteuer von da an zu erzählen, wo sie
|
|
das weiße Kaninchen zuerst gesehen hatte. Im Anfange war sie etwas
|
|
ängstlich, die beiden Thiere kamen ihr so nah, eins auf jeder Seite,
|
|
und sperrten Augen und Mund so _weit_ auf; aber nach und nach wurde sie
|
|
dreister. Ihre Zuhörer waren ganz ruhig, bis sie an die Stelle kam, wo
|
|
sie der Raupe 'Ihr seid alt, Vater Martin' hergesagt hatte, und wo
|
|
lauter andere Worte gekommen waren, da holte die falsche Schildkröte
|
|
tief Athem und sagte: »das ist sehr merkwürdig.«
|
|
|
|
»Es ist Alles so merkwürdig, wie nur möglich,« sagte der Greif.
|
|
|
|
»Es kam ganz verschieden!« wiederholte die falsche Schildkröte
|
|
gedankenvoll. »Ich möchte sie wohl etwas hersagen hören. Sage ihr, daß
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|
sie anfangen soll.« Sie sah den Greifen an, als ob sie dächte, daß er
|
|
einigen Einfluß auf Alice habe.
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|
|
|
»Steh' auf und sage her: 'Preisend mit viel schönen Reden',« sagte der
|
|
Greif.
|
|
|
|
»Wie die Geschöpfe alle Einen kommandiren und Gedichte aufsagen lassen!«
|
|
dachte Alice, »dafür könnte ich auch lieber gleich in der Schule sein.«
|
|
Sie stand jedoch auf und fing an, das Gedicht herzusagen; aber ihr Kopf
|
|
war so voll von dem Hummerballet, daß sie kaum wußte, was sie sagte, und
|
|
die Worte kamen sehr sonderbar: --
|
|
|
|
[Illustration]
|
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|
|
»Preisend mit viel schönen Kniffen seiner Scheeren Werth und Zahl,
|
|
Stand der Hummer vor dem Spiegel in der schönen rothen Schal'!
|
|
»Herrlich,« sprach der Fürst der Krebse, »steht mir dieser lange Bart!«
|
|
Rückt die Füße mit der Nase auswärts, als er dieses sagt.«
|
|
|
|
»Das ist anders, als ich's als Kind gesagt habe,« sagte der Greif.
|
|
|
|
»Ich habe es zwar noch niemals gehört,« sagte die falsche Schildkröte;
|
|
»aber es klingt wie blühender Unsinn.«
|
|
|
|
Alice erwiederte nichts; sie setzte sich, bedeckte das Gesicht mit
|
|
beiden Händen und überlegte, ob wohl _je_ wieder irgend etwas natürlich
|
|
sein würde.
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|
|
|
»Ich möchte es gern erklärt haben,« sagte die falsche Schildkröte.
|
|
|
|
»Sie kann's nicht erklären,« warf der Greif schnell ein. »Sage den
|
|
nächsten Vers.«
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|
|
|
»Aber das von den Füßen?« fragte die falsche Schildkröte wieder. »Wie
|
|
kann er sie mit der Nase auswärts rücken?«
|
|
|
|
»Es ist die erste Position bei'm Tanzen,« sagte Alice; aber sie war über
|
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Alles dies entsetzlich verwirrt und hätte am liebsten aufgehört.
|
|
|
|
»Sage den nächsten Vers!« wiederholte der Greif ungeduldig, »er fängt
|
|
an: 'Seht mein Land!'«
|
|
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Alice wagte nicht, es abzuschlagen, obgleich sie überzeugt war, es würde
|
|
Alles falsch kommen, sie fuhr also mit zitternder Stimme fort: --
|
|
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»Seht mein Land und grüne Fluten,« sprach ein fetter Lachs vom Rhein;
|
|
Goldne Schuppen meine Rüstung, und mit Austern trink' ich Wein.«
|
|
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|
»Wozu sollen wir das dumme Zeug mit anhören,« unterbrach sie die falsche
|
|
Schildkröte, »wenn sie es nicht auch erklären kann? Es ist das
|
|
verworrenste Zeug, das ich je gehört habe!«
|
|
|
|
»Ja, ich glaube auch, es ist besser du hörst auf,« sagte der Greif, und
|
|
Alice gehorchte nur zu gern.
|
|
|
|
»Sollen wir noch eine Figur von dem Hummerballet versuchen?« fuhr der
|
|
Greif fort. »Oder möchtest du lieber, daß die falsche Schildkröte dir
|
|
ein Lied vorsingt?«
|
|
|
|
»Oh, ein Lied! bitte, wenn die falsche Schildkröte so gut sein will,«
|
|
antwortete Alice mit solchem Eifer, daß der Greif etwas beleidigt sagte:
|
|
»Hm! der Geschmack ist verschieden! Singe ihr vor 'Schildkrötensuppe',
|
|
hörst du, alte Tante?«
|
|
|
|
Die falsche Schildkröte seufzte tief auf und fing an, mit halb von
|
|
Schluchzen erstickter Stimme, so zu singen: --
|
|
|
|
»Schöne Suppe, so schwer und so grün,
|
|
Dampfend in der heißen Terrin'!
|
|
Wem nach einem so schönen Gericht
|
|
Wässerte denn der Mund wohl nicht?
|
|
Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!
|
|
Kön'gin der Suppen, du schönste Supp'!
|
|
Wu -- underschöne Su -- uppe!
|
|
Wu -- underschöne Su -- uppe!
|
|
Kö -- önigin der Su -- uppen,
|
|
Wunder-wunderschöne Supp'!
|
|
|
|
Schöne Suppe, wer fragt noch nach Fisch,
|
|
Wildpret oder was sonst auf dem Tisch?
|
|
Alles lassen wir stehen zu p
|
|
Reisen allein die wunderschöne Supp',
|
|
Preisen allein die wunderschöne Supp'!
|
|
Wu -- underschöne Su -- uppe!
|
|
Wu -- underschöne Su -- uppe!
|
|
Kö -- önigin der Su -- uppen,
|
|
Wunder-wunderschöne Supp'!
|
|
|
|
»Den Chor noch einmal!« rief der Greif, und die falsche Schildkröte
|
|
hatte ihn eben wieder angefangen, als ein Ruf: »Das Verhör fängt an!« in
|
|
der Ferne erscholl.
|
|
|
|
»Komm schnell!« rief der Greif, und Alice bei der Hand nehmend lief er
|
|
fort, ohne auf das Ende des Gesanges zu warten.
|
|
|
|
»Was für ein Verhör?« keuchte Alice bei'm Rennen; aber der Greif
|
|
antwortete nichts als: »Komm schnell!« und rannte weiter, während
|
|
schwächer und schwächer, vom Winde getragen, die Worte ihnen folgten: --
|
|
|
|
»Kö -- önigin der Su -- uppen,
|
|
Wunder-wunderschöne Supp'!«
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Elftes Kapitel.
|
|
|
|
Wer hat die Kuchen gestohlen?
|
|
|
|
|
|
Der König und die Königin der Herzen saßen auf ihrem Throne, als sie
|
|
ankamen, und eine große Menge war um sie versammelt -- allerlei kleine
|
|
Vögel und Thiere, außerdem das ganze Pack Karten: der Bube stand vor
|
|
ihnen, in Ketten, einen Soldaten an jeder Seite, um ihn zu bewachen;
|
|
dicht bei dem Könige befand sich das weiße Kaninchen, eine Trompete in
|
|
einer Hand, in der andern eine Pergamentrolle. Im Mittelpunkte des
|
|
Gerichtshofes stand ein Tisch mit einer Schüssel voll Torten: sie sahen
|
|
so appetitlich aus, daß der bloße Anblick Alice ganz hungrig darauf
|
|
machte. -- »Ich wünschte, sie machten schnell mit dem Verhör und
|
|
reichten die Erfrischungen herum.« Aber dazu schien wenig Aussicht zu
|
|
sein, so daß sie anfing, Alles genau in Augenschein zu nehmen, um sich
|
|
die Zeit zu vertreiben.
|
|
|
|
Alice war noch nie in einem Gerichtshofe gewesen, aber sie hatte in
|
|
ihren Büchern davon gelesen und bildete sich etwas Rechtes darauf ein,
|
|
daß sie Alles, was sie dort sah, bei Namen zu nennen wußte. »Das ist der
|
|
Richter,« sagte sie für sich, »wegen seiner großen Perrücke.«
|
|
|
|
Der Richter war übrigens der König, und er trug die Krone über der
|
|
Perücke (seht euch das Titelbild an, wenn ihr wissen wollt, wie), es sah
|
|
nicht aus, als sei es ihm bequem, und sicherlich stand es ihm nicht gut.
|
|
|
|
»Und jene zwölf kleinen Thiere da sind vermuthlich die Geschwornen,«
|
|
dachte Alice. Sie wiederholte sich selbst dies Wort zwei bis drei Mal,
|
|
weil sie so stolz darauf war; denn sie glaubte, und das mit Recht, daß
|
|
wenig kleine Mädchen ihres Alters überhaupt etwas von diesen Sachen
|
|
wissen würden.
|
|
|
|
Die zwölf Geschwornen schrieben alle sehr eifrig auf Schiefertafeln.
|
|
»Was thun sie?« fragte Alice den Greifen in's Ohr. »Sie können ja noch
|
|
nichts aufzuschreiben haben, ehe das Verhör beginnt.«
|
|
|
|
»Sie schreiben ihre Namen auf,« sagte ihr der Greif in's Ohr, »weil sie
|
|
bange sind, sie zu vergessen, ehe das Verhör zu Ende ist.«
|
|
|
|
»Dumme Dinger!« fing Alice entrüstet ganz laut an; aber sie hielt
|
|
augenblicklich inne, denn das weiße Kaninchen rief aus: »Ruhe im Saal!«
|
|
und der König setzte seine Brille auf und blickte spähend umher, um zu
|
|
sehen, wer da gesprochen habe.
|
|
|
|
Alice konnte ganz deutlich sehen, daß alle Geschworne »dumme Dinger!«
|
|
auf ihre Tafeln schrieben, und sie merkte auch, daß Einer von ihnen
|
|
nicht wußte, wie es geschrieben wird, und seinen Nachbar fragen mußte.
|
|
»_Die_ Tafeln werden in einem schönen Zustande sein, wenn das Verhör
|
|
vorüber ist!« dachte Alice.
|
|
|
|
Einer der Geschwornen hatte einen Tafelstein, der quiekste. Das konnte
|
|
Alice natürlich nicht aushalten, sie ging auf die andere Seite des
|
|
Saales, gelangte dicht hinter ihn und fand sehr bald eine Gelegenheit,
|
|
den Tafelstein fortzunehmen. Sie hatte es so schnell gethan, daß der
|
|
arme kleine Geschworne (es war Wabbel), durchaus nicht begreifen konnte,
|
|
wo sein Griffel hingekommen war; nachdem er ihn also überall gesucht
|
|
hatte, mußte er sich endlich entschließen, mit einem Finger zu
|
|
schreiben, und das war von sehr geringem Nutzen, da es keine Spuren auf
|
|
der Tafel zurückließ.
|
|
|
|
[Illustration]
|
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|
|
»Herold, verlies die Anklage!« sagte der König.
|
|
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|
Da blies das weiße Kaninchen drei Mal in die Trompete, entfaltete darauf
|
|
die Pergamentrolle und las wie folgt: --
|
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»Coeur-Königin, sie buk Kuchen,
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|
Juchheisasah, juchhe!
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Coeur-Bube kam, die Kuchen nahm.
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Wo sind sie nun? O weh!«
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»Gebt euer Urtheil ab!« sprach der König zu den Geschwornen.
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»Noch nicht, noch nicht!« unterbrach ihn das Kaninchen schnell. »Da
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|
kommt noch Vielerlei erst.«
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|
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»Laßt den ersten Zeugen eintreten!« sagte der König, worauf das
|
|
Kaninchen drei Mal in die Trompete blies und ausrief: »Erster Zeuge!«
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|
Der erste Zeuge war der Hutmacher. Er kam herein, eine Tasse in einer
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Hand und in der andern ein Stück Butterbrot haltend. »Ich bitte um
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Verzeihung, Eure Majestät, daß ich das mitbringe; aber ich war nicht
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ganz fertig mit meinem Thee, als nach mir geschickt wurde.«
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»Du hättest aber damit fertig sein sollen,« sagte der König. »Wann hast
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du damit angefangen?«
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Der Hutmacher sah den Faselhasen an, der ihm in den Gerichtssaal gefolgt
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war, Arm in Arm mit dem Murmelthier. »Vierzehnten März, glaube ich war
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es,« sagte er.
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»Funfzehnten,« sagte der Faselhase.
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»Sechzehnten,« fügte das Murmelthier hinzu.
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»Nehmt das zu Protokoll,« sagte der König zu den Geschwornen, und die
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Geschwornen schrieben eifrig die drei Daten auf ihre Tafeln, addirten
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sie dann und machten die Summe zu Groschen und Pfennigen.
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»Nimm deinen Hut ab,« sagte der König zum Hutmacher.
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»Es ist nicht meiner,« sagte der Hutmacher.
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»Gestohlen!« rief der König zu den Geschwornen gewendet aus, welche
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sogleich die Thatsache notirten.
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»Ich halte sie zum Verkauf,« fügte der Hutmacher als Erklärung hinzu,
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»ich habe keinen eigenen. Ich bin ein Hutmacher.«
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Da setzte sich die Königin die Brille auf und fing an, den Hutmacher
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scharf zu beobachten, was ihn sehr blaß und unruhig machte.
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»Gieb du deine Aussage,« sprach der König, »und sei nicht ängstlich,
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oder ich lasse dich auf der Stelle hängen.«
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Dies beruhigte den Zeugen augenscheinlich nicht; er stand abwechselnd
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auf dem linken und rechten Fuße, sah die Königin mit großem Unbehagen
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an, und in seiner Befangenheit biß er ein großes Stück aus seiner
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Theetasse statt aus seinem Butterbrot.
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Gerade in diesem Augenblick spürte Alice eine seltsame Empfindung, die
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sie sich durchaus nicht erklären konnte, bis sie endlich merkte, was es
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war: sie fing wieder an zu wachsen, und sie wollte sogleich aufstehen
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und den Gerichtshof verlassen; aber nach weiterer Ueberlegung beschloß
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sie zu bleiben, wo sie war, so lange sie Platz genug hatte.
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»Du brauchtest mich wirklich nicht so zu drängen,« sagte das
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Murmelthier, welches neben ihr saß. »Ich kann kaum athmen.«
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»Ich kann nicht dafür,« sagte Alice bescheiden, »ich wachse.«
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»Du hast kein Recht dazu, hier zu wachsen,« sagte das Murmelthier.
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»Rede nicht solchen Unsinn,« sagte Alice dreister; »du weißt recht gut,
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daß du auch wächst.«
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»Ja, aber ich wachse in vernünftigem Maßstabe,« sagte das Murmelthier,
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»nicht auf so lächerliche Art.« Dabei stand es verdrießlich auf und ging
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an die andere Seite des Saales.
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Die ganze Zeit über hatte die Königin unablässig den Hutmacher
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angestarrt, und gerade als das Murmelthier durch den Saal ging, sprach
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sie zu einem der Gerichtsbeamten: »Bringe mir die Liste der Sänger im
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letzten Concerte!« worauf der unglückliche Hutmacher so zitterte, daß
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ihm beide Schuhe abflogen.
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[Illustration]
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»Gieb deine Aussage,« wiederholte der König ärgerlich, »oder ich werde
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dich hinrichten lassen, ob du dich ängstigst oder nicht.«
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»Ich bin ein armer Mann, Eure Majestät,« begann der Hutmacher mit
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zitternder Stimme, »und ich hatte eben erst meinen Thee angefangen --
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nicht länger als eine Woche ungefähr -- und da die Butterbrote so dünn
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wurden -- und es Teller und Töpfe in den Thee schneite.«
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»Teller und Töpfe -- was?« fragte der König.
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»Es fing mit dem Thee an,« erwiederte der Hutmacher.
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»Natürlich fangen Teller und Töpfe mit einem T an. Hältst du mich für
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einen Esel? Rede weiter!«
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»Ich bin ein armer Mann,« fuhr der Hutmacher fort, »und seitdem schneite
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Alles -- der Faselhase sagte nur --«
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»Nein, ich hab's nicht gesagt!« unterbrach ihn der Faselhase schnell.
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»Du hast's wohl gesagt!« rief der Hutmacher.
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»Ich läugne es!« sagte der Faselhase.
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»Er läugnet es!« sagte der König: »laßt den Theil der Aussage fort.«
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»Gut, auf jeden Fall hat's das Murmelthier gesagt --« fuhr der Hutmacher
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fort, indem er sich ängstlich umsah, ob es auch läugnen würde; aber das
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Murmelthier läugnete nichts, denn es war fest eingeschlafen. »Dann,«
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sprach der Hutmacher weiter, »schnitt ich noch etwas Butterbrot --«
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»Aber _was_ hat das Murmelthier gesagt?« fragte einer der Geschwornen.
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»Das ist mir ganz entfallen,« sagte der Hutmacher.
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»Aber es _muß_ dir wieder einfallen,« sagte der König, »sonst lasse ich
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dich köpfen.«
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Der unglückliche Hutmacher ließ Tasse und Butterbrot fallen und ließ
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sich auf ein Knie nieder. »Ich bin ein armseliger Mann, Eure Majestät,«
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fing er an.
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»Du bist ein _sehr_ armseliger Redner,« sagte der König.
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Hier klatschte eins der Meerschweinchen Beifall, was sofort von den
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Gerichtsdienern unterdrückt wurde. (Da dies ein etwas schweres Wort ist,
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so will ich beschreiben, wie es gemacht wurde. Es war ein großer
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Leinwandsack bei der Hand, mit Schnüren zum Zusammenziehen: da hinein
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wurde das Meerschweinchen gesteckt, den Kopf nach unten, und dann saßen
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sie darauf.)
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»Es ist mir lieb, daß ich das gesehen habe,« dachte Alice, »ich habe so
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oft in der Zeitung am Ende eines Verhörs gelesen: 'Das Publikum fing an,
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Beifall zu klatschen, was aber sofort von den Gerichtsdienern
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unterdrückt wurde,' und ich konnte bis jetzt nie verstehen, was es
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bedeutete.«
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»Wenn dies Alles ist, was du zu sagen weißt, so kannst du abtreten,«
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fuhr der König fort.
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»Ich kann nichts mehr abtreten,« sagte der Hutmacher: »ich stehe so
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schon auf den Strümpfen.«
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»Dann kannst du _abwarten_, bis du wieder gefragt wirst,« erwiederte der
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König.
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Hier klatschte das zweite Meerschweinchen und wurde unterdrückt.
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»Ha, nun sind die Meerschweinchen besorgt,« dachte Alice, »nun wird es
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besser vorwärts gehen.«
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[Illustration]
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»Ich möchte lieber zu meinem Thee zurückgehen,« sagte der Hutmacher mit
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|
einem ängstlichen Blicke auf die Königin, welche die Liste der Sänger
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durchlas.
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»Du kannst gehen,« sagte der König, worauf der Hutmacher eilig den
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Gerichtssaal verließ, ohne sich einmal Zeit zu nehmen, seine Schuhe
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anzuziehen.
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»-- und draußen schneidet ihm doch den Kopf ab,« fügte die Königin zu
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einem der Beamten gewandt hinzu; aber der Hutmacher war nicht mehr zu
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sehen, als der Beamte die Thür erreichte.
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»Ruft den nächsten Zeugen!« sagte der König.
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Der nächste Zeuge war die Köchin der Herzogin. Sie trug die
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Pfefferbüchse in der Hand, und Alice errieth, schon ehe sie in den Saal
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trat, wer es sei, weil alle Leute in der Nähe der Thür mit einem Male
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anfingen zu niesen.
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»Gieb deine Aussage,« sagte der König.
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»Ne!« antwortete die Köchin.
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Der König sah ängstlich das weiße Kaninchen an, welches leise sprach:
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|
»Eure Majestät müssen diesen Zeugen einem Kreuzverhör unterwerfen.«
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»Wohl, wenn ich muß, muß ich,« sagte der König trübsinnig, und nachdem
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er die Arme gekreuzt und die Augenbraunen so fest zusammengezogen hatte,
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daß seine Augen kaum mehr zu sehen waren, sagte er mit tiefer Stimme:
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»Wovon macht man kleine Kuchen?«
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»Pfeffer, hauptsächlich,« sagte die Köchin.
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»Syrup,« sagte eine schläfrige Stimme hinter ihr.
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»Nehmt dieses Murmelthier fest!« heulte die Königin. »Köpft dieses
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Murmelthier! Schafft dieses Murmelthier aus dem Saale! Unterdrückt es!
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Kneift es! Brennt ihm den Bart ab!«
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Einige Minuten lang war das ganze Gericht in Bewegung, um das
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|
Murmelthier fortzuschaffen; und als endlich Alles wieder zur Ruhe
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gekommen war, war die Köchin verschwunden.
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»Schadet nichts!« sagte der König und sah aus, als falle ihm ein Stein
|
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vom Herzen. »Ruft den nächsten Zeugen.« Und zu der Königin gewandt,
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fügte er leise hinzu: »Wirklich, meine Liebe, du mußt das nächste
|
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Kreuzverhör übernehmen, meine Arme sind schon ganz lahm.«
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Alice beobachtete das weiße Kaninchen, das die Liste durchsuchte, da sie
|
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sehr neugierig war, wer wohl der nächste Zeuge sein möchte, -- »denn sie
|
|
haben noch nicht viel Beweise,« sagte sie für sich. Denkt euch ihre
|
|
Ueberraschung, als das weiße Kaninchen mit seiner höchsten Kopfstimme
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vorlas: »Alice!«
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|
Zwölftes Kapitel.
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Alice ist die Klügste.
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»Hier!« rief Alice, in der augenblicklichen Erregung ganz vergessend,
|
|
wie sehr sie die letzten Minuten gewachsen war; sie sprang in solcher
|
|
Eile auf, daß sie mit ihrem Rock das Pult vor sich umstieß, so daß alle
|
|
Geschworne auf die Köpfe der darunter sitzenden Versammlung fielen. Da
|
|
lagen sie unbehülflich umher und erinnerten sie sehr an ein Glas mit
|
|
Goldfischen, das sie die Woche vorher aus Versehen umgestoßen hatte.
|
|
|
|
»Oh, ich _bitte_ um Verzeihung,« rief sie mit sehr bestürztem Tone, und
|
|
fing an, sie so schnell wie möglich aufzunehmen; denn der Unfall mit den
|
|
Goldfischen lag ihr noch im Sinne, und sie hatte eine unbestimmte Art
|
|
Vorstellung, als ob sie gleich gesammelt und wieder in ihr Pult gethan
|
|
werden müßten, sonst würden sie sterben.
|
|
|
|
[Illustration]
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|
»Das Verhör kann nicht fortgesetzt werden,« sagte der König sehr ernst,
|
|
»bis alle Geschworne wieder an ihrem rechten Platze sind -- _alle_,«
|
|
wiederholte er mit großem Nachdrucke, und sah dabei Alice fest an.
|
|
|
|
Alice sah sich nach dem Pulte um und bemerkte, daß sie in der Eile die
|
|
Eidechse kopfunten hineingestellt hatte, und das arme kleine Ding
|
|
bewegte den Schwanz trübselig hin und her, da es sich übrigens nicht
|
|
rühren konnte. Sie zog es schnell wieder heraus und stellte es richtig
|
|
hinein. »Es hat zwar nichts zu bedeuten,« sagte sie für sich, »ich
|
|
glaube, es würde für das Verhör ganz eben so nützlich sein kopfoben wie
|
|
kopfunten.«
|
|
|
|
Sobald sich die Geschwornen etwas von dem Schreck erholt hatten,
|
|
umgeworfen worden zu sein, und nachdem ihre Tafeln und Tafelsteine
|
|
gefunden und ihnen zurückgegeben worden waren, machten sie sich eifrig
|
|
daran, die Geschichte ihres Unfalles aufzuschreiben, alle außer der
|
|
Eidechse, welche zu angegriffen war, um etwas zu thun; sie saß nur mit
|
|
offnem Maule da und starrte die Saaldecke an.
|
|
|
|
»Was weißt du von dieser Angelegenheit?« fragte der König Alice.
|
|
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|
»Nichts!« sagte Alice.
|
|
|
|
»Durchaus nichts?« drang der König in sie.
|
|
|
|
»Durchaus nichts!« sagte Alice.
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|
|
|
»Daß ist sehr wichtig,« sagte der König, indem er sich an die
|
|
Geschwornen wandte. Sie wollten dies eben auf ihre Tafeln schreiben,
|
|
als das weiße Kaninchen ihn unterbrach. »Unwichtig, meinten Eure
|
|
Majestät natürlich!« sagte es in sehr ehrfurchtsvollem Tone, wobei es
|
|
ihn aber mit Stirnrunzeln und verdrießlichem Gesichte ansah.
|
|
|
|
»_Un_wichtig, natürlich, meinte ich,« bestätigte der König eilig, und fuhr
|
|
mit halblauter Stimme für sich fort: »wichtig -- unwichtig -- unwichtig
|
|
-- wichtig --« als ob er versuchte, welches Wort am besten klänge.
|
|
|
|
Einige der Geschwornen schrieben auf »wichtig«, und einige »unwichtig.«
|
|
Alice konnte dies sehen, da sie nahe genug war, um ihre Tafeln zu
|
|
überblicken; »aber es kommt nicht das Geringste darauf an,« dachte sie
|
|
bei sich.
|
|
|
|
In diesem Augenblick rief der König, der eifrig in seinem Notizbuch
|
|
geschrieben hatte, plötzlich aus: »Still!« und las dann aus seinem Buche
|
|
vor: »Zweiundvierzigstes Gesetz. _Alle Personen, die mehr als eine Meile
|
|
hoch sind, haben den Gerichtshof zu verlassen_.
|
|
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|
Alle sahen Alice an.
|
|
|
|
»Ich _bin_ keine Meile groß,« sagte Alice.
|
|
|
|
»Das bist du wohl,« sagte der König.
|
|
|
|
»Beinahe zwei Meilen groß,« fügte die Königin hinzu.
|
|
|
|
»Auf jeden Fall werde ich nicht fortgehen,« sagte Alice, »übrigens ist
|
|
das kein regelmäßiges Gesetz; Sie haben es sich eben erst ausgedacht.«
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|
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»Es ist das älteste Gesetz in dem Buche,« sagte der König.
|
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|
|
»Dann müßte es Nummer Eins sein,« sagte Alice.
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|
|
Der König erbleichte und machte sein Notizbuch schnell zu. »Gebt euer
|
|
Urtheil ab!« sagte er leise und mit zitternder Stimme zu den
|
|
Geschwornen.
|
|
|
|
»Majestät halten zu Gnaden, es sind noch mehr Beweise aufzunehmen,«
|
|
sagte das weiße Kaninchen, indem es eilig aufsprang; »dieses Papier ist
|
|
soeben gefunden worden.«
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|
|
»Was enthält es?« fragte die Königin.
|
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|
»Ich habe es noch nicht geöffnet,« sagte das weiße Kaninchen, »aber es
|
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scheint ein Brief von dem Gefangenen an -- an Jemand zu sein.«
|
|
|
|
»Ja, das wird es wohl sein,« sagte der König, »wenn es nicht an Niemand
|
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ist, was, wie bekannt nicht oft vorkommt.«
|
|
|
|
»An wen ist es adressirt?« fragte einer der Geschwornen.
|
|
|
|
»Es ist gar nicht adressirt,« sagte das weiße Kaninchen; »überhaupt
|
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steht auf der _Außenseite_ gar nichts.« Es faltete bei diesen Worten das
|
|
Papier auseinander und sprach weiter: »Es ist übrigens gar kein Brief,
|
|
es sind Verse.«
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|
|
|
»Sind sie in der Handschrift des Gefangenen?« fragte ein anderer
|
|
Geschworner.
|
|
|
|
»Nein, das sind sie nicht,« sagte das weiße Kaninchen, »und das ist das
|
|
Merkwürdigste dabei.« (Die Geschwornen sahen alle ganz verdutzt aus.)
|
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|
»Er muß eines Andern Handschrift nachgeahmt haben,« sagte der König.
|
|
(Die Gesichter der Geschwornen klärten sich auf.)
|
|
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|
»Eure Majestät halten zu Gnaden,« sagte der Bube, »ich habe es nicht
|
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geschrieben, und Niemand kann beweisen, daß ich es geschrieben haben, es
|
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ist keine Unterschrift darunter.«
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|
»Wenn du es nicht unterschrieben hast,« sagte der König, »so macht das
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|
die Sache nur schlimmer. Du mußt schlechte Absichten dabei gehabt haben,
|
|
sonst hättest du wie ein ehrlicher Mann deinen Namen darunter gesetzt.«
|
|
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|
Hierauf folgte allgemeines Beifallklatschen; es war der erste wirklich
|
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kluge Ausspruch, den der König an dem Tage gethan hatte.
|
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»Das _beweist_ seine Schuld,« sagte die Königin.
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»Es beweist durchaus gar nichts!« sagte Alice, »Ihr wißt ja noch nicht
|
|
einmal, worüber die Verse sind!«
|
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|
»Lies sie!« sagte der König.
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|
|
Das weiße Kaninchen setzte seine Brille auf. »Wo befehlen Eure Majestät,
|
|
daß ich anfangen soll?« fragte es.
|
|
|
|
»Fange beim Anfang an,« sagte der König ernsthaft, »und lies bis du an's
|
|
Ende kommst, dann halte an.«
|
|
|
|
Dies waren die Verse, welche das weiße Kaninchen vorlas: --
|
|
|
|
»Ich höre ja du warst bei ihr,
|
|
Und daß er mir es gönnt;
|
|
Sie sprach, sie hielte viel von mir,
|
|
Wenn ich nur schwimmen könnt'!
|
|
|
|
Er schrieb an sie, ich ginge nicht
|
|
(Nur wußten wir es gleich):
|
|
Wenn ihr viel an der Sache liegt,
|
|
Was würde dann aus euch?
|
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Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei,
|
|
Ihr gabt uns drei Mal vier;
|
|
Jetzt sind sie hier, er steht dabei;
|
|
Doch alle gehörten erst mir.
|
|
|
|
Würd' ich und sie vielleicht darein
|
|
Verwickelt und verfahren,
|
|
Vertraut er dir, sie zu befrei'n,
|
|
Gerade wie wir waren.
|
|
|
|
Ich dachte schon in meinem Sinn,
|
|
Eh' sie den Anfall hätt',
|
|
Ihr wär't derjenige, der ihn,
|
|
Es und uns hindertet.
|
|
|
|
Sag' ihm um keinen Preis, daß ihr
|
|
Die Andern lieber war'n;
|
|
Denn keine Seele außer dir
|
|
Und mir darf dies erfahr'n.«
|
|
|
|
»Das ist das wichtigste Beweisstück, das wir bis jetzt gehört haben,«
|
|
sagte der König, indem er sich die Hände rieb; »laßt also die
|
|
Geschwornen --«
|
|
|
|
»Wenn es Einer von ihnen erklären kann,« sagte Alice (sie war die
|
|
letzten Paar Minuten so sehr gewachsen, daß sie sich gar nicht
|
|
fürchtete, ihn zu unterbrechen), »so will ich ihm sechs Dreier schenken.
|
|
Ich finde, daß auch keine Spur von Sinn darin ist.«
|
|
|
|
Die Geschwornen schrieben Alle auf ihre Tafeln: »Sie findet, daß auch
|
|
keine Spur von Sinn darin ist;« aber keiner von ihnen versuchte, das
|
|
Schriftstück zu erklären.
|
|
|
|
»Wenn kein Sinn darin ist,« sagte der König, »das spart uns ja ungeheuer
|
|
viel Arbeit; dann haben wir nicht nöthig, ihn zu suchen. Und dennoch
|
|
weiß ich nicht,« fuhr er fort, indem er das Papier auf dem Knie
|
|
ausbreitete und es prüfend beäugelte, »es kommt mir vor, als könnte ich
|
|
etwas Sinn darin finden. '-- wenn ich nur schwimmen könnt'!' du kannst
|
|
nicht schwimmen, nicht wahr?« wandte er sich an den Buben.
|
|
|
|
Der Bube schüttelte traurig das Haupt. »Seh' ich etwa danach aus?« (was
|
|
freilich nicht der Fall war, da er gänzlich aus Papier bestand.)
|
|
|
|
»Das trifft zu, so weit,« sagte der König und fuhr fort, die Verse leise
|
|
durchzulesen. »'Nur wußten wir es gleich' -- das sind die Geschwornen,
|
|
natürlich -- 'Ich gab ihr eins, sie gab ihm zwei --' ja wohl, so hat
|
|
er's mit den Kuchen gemacht, versteht sich --«
|
|
|
|
»Aber es geht weiter: 'Jetzt sind sie hier,'« sagte Alice.
|
|
|
|
»Freilich, da sind sie ja! er steht dabei!« sagte der König triumphirend
|
|
und wies dabei nach den Kuchen auf dem Tische und nach dem Buben;
|
|
»nichts kann klarer sein. Dann wieder -- 'Eh sie den Anfall hätt'' -- du
|
|
hast nie einen Anfall gehabt, Liebe, glaube ich,« sagte er zu der
|
|
Königin.
|
|
|
|
[Illustration]
|
|
|
|
»Niemals,« rief die Königin wüthend und warf dabei der Eidechse ein
|
|
Tintenfaß an den Kopf. (Der unglückliche kleine Wabbel hatte aufgehört,
|
|
mit dem Finger auf seiner Tafel zu schreiben, da er merkte, daß es keine
|
|
Spuren hinterließ; doch nun fing er eilig wieder an, indem er die Tinte
|
|
benutzte, die von seinem Gesichte herabträufelte, so lange dies
|
|
vorhielt.)
|
|
|
|
»Dann ist dies nicht dein _Fall_,« sagte der König und blickte lächelnd in
|
|
dem ganzen Saale herum. Alles blieb todtenstill.
|
|
|
|
»-- 's ist ja 'n Witz!« fügte der König in ärgerlichem Tone hinzu --
|
|
sogleich lachte Jedermann. »Die Geschwornen sollen ihren Ausspruch
|
|
thun,« sagte der König wohl zum zwanzigsten Male.
|
|
|
|
»Nein, nein!« sagte die Königin. »Erst das Urtheil, der Ausspruch der
|
|
Geschwornen nachher.«
|
|
|
|
»Dummer Unsinn!« sagte Alice laut. »Was für ein Einfall, erst das
|
|
Urtheil haben zu wollen!«
|
|
|
|
»Halt den Mund!« sagte die Königin, indem sie purpurroth wurde.
|
|
|
|
»Ich will nicht!« sagte Alice.
|
|
|
|
»Schlagt ihr den Kopf ab!« brüllte die Königin so laut sie konnte.
|
|
Niemand rührte sich.
|
|
|
|
»Wer fragt nach euch?« sagte Alice (unterdessen hatte sie ihre volle
|
|
Größe erreicht). »Ihr seid nichts weiter als ein Spiel Karten!«
|
|
|
|
[Illustration]
|
|
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|
Bei diesen Worten erhob sich das ganze Spiel in die Luft und flog auf
|
|
sie herab; sie schrie auf, halb vor Furcht, halb vor Aerger, versuchte
|
|
sie sich abzuwehren und merkte, daß sie am Ufer lag, den Kopf auf dem
|
|
Schoße ihrer Schwester, welche leise einige welke Blätter fortnahm, die
|
|
ihr von den Bäumen herunter auf's Gesicht gefallen waren.
|
|
|
|
»Wach auf, liebe Alice!« sagte ihre Schwester; »du hast mal lange
|
|
geschlafen!«
|
|
|
|
»O, und ich habe einen so merkwürdigen Traum gehabt!« sagte Alice, und
|
|
sie erzählte ihrer Schwester, so gut sie sich errinnern konnte, alle die
|
|
seltsamen Abenteuer, welche ihr eben gelesen habt. Als sie fertig war,
|
|
gab ihre Schwester ihr einen Kuß und sagte: »Es _war_ ein sonderbarer
|
|
Traum, das ist gewiß; aber nun lauf hinein zum Thee, es wird spät.« Da
|
|
stand Alice auf und rannte fort, und dachte dabei, und zwar mit Recht,
|
|
daß es doch ein wunderschöner Traum gewesen sei.
|
|
|
|
* * * * *
|
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|
|
Aber ihre Schwester blieb sitzen, wie sie sie verlassen hatte, den Kopf
|
|
auf die Hand gestützt, blickte in die untergehende Sonne und dachte an
|
|
die kleine Alice und ihre wunderbaren Abenteuer, bis auch sie auf ihre
|
|
Weise zu träumen anfing, und dies war ihr Traum:
|
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|
|
Zuerst träumte sie von der kleinen Alice selbst: wieder sah sie die
|
|
kleinen Händchen zusammengefaltet auf ihrem Knie, und die klaren
|
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sprechenden Augen, die zu ihr aufblickten -- sie konnte selbst den Ton
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|
ihrer Stimme hören und das komische Zurückwerfen des kleinen Köpfchens
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|
sehen, womit sie die einzelnen Haare abschüttelte, die ihr immer wieder
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|
in die Augen kamen -- und jemehr sie zuhörte oder zuzuhören meinte, desto
|
|
mehr belebte sich der ganze Platz um sie herum mit den seltsamen
|
|
Geschöpfen aus ihrer kleinen Schwester Traum.
|
|
|
|
Das lange Gras zu ihren Füßen rauschte, da das weiße Kaninchen
|
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vorbeihuschte -- die erschrockene Maus plätscherte durch den nahen Teich
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-- sie konnte das Klappern der Theetassen hören, wo der Faselhase und
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seine Freunde ihre immerwährende Mahlzeit hielten, und die gellende
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Stimme der Königin, die ihre unglücklichen Gäste zur Hinrichtung
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abschickte -- wieder nieste das Ferkel-Kind auf dem Schoße der Herzogin,
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während Pfannen und Schüsseln rund herum in Scherben brachen -- wieder
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erfüllten der Schrei des Greifen, das Quieken von dem Tafelstein der
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Eidechse und das Stöhnen des unterdrückten Meerschweinchens die Luft und
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vermischten sich mit dem Schluchzen der unglücklichen falschen
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Schildkröte in der Entfernung.
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So saß sie da, mit geschlossenen Augen, und glaubte fast, sie sei im
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Wunderlande, obgleich sie ja wußte, daß sobald sie die Augen öffnete,
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Alles wieder zur alltäglichen Wirklichkeit werden würde; das Gras würde
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dann nur im Winde rauschen, der Teich mit seinem Rieseln das Wogen des
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Rohres begleiten; das Klappern der Theetassen würde sich in klingende
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Heerdenglocken verwandeln und die gellende Stimme der Königin in die
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Rufe des Hirtenknaben -- und das Niesen des Kindes, das Geschrei des
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Greifen und all die andern außerordentlichen Töne würden sich (das wußte
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sie) in das verworrene Getöse des geschäftigen Gutshofes verwandeln --
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während sie statt des schwermüthigen Schluchzens der falschen
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Schildkröte in der Ferne das wohlbekannte Brüllen des Rindviehes hören
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würde.
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Endlich malte sie sich aus, wie ihre kleine Schwester Alice in späterer
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Zeit selbst erwachsen sein werde; und wie sie durch alle reiferen Jahre
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hindurch das einfache liebevolle Herz ihrer Kindheit bewahren, und wie
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sie andere kleine Kinder um sich versammeln und _deren_ Blicke neugierig
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und gespannt machen werde mit manch einer wunderbaren Erzählung,
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vielleicht sogar mit dem Traume vom Wunderlande aus alten Zeiten; und
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wie sie alle ihre kleinen Sorgen nachfühlen, sich über alle ihre kleinen
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Freuden mitfreuen werde in der Erinnerung an ihr eigenes Kindesleben und
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die glücklichen Sommertage.
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